„It´s a greater honour for me“ – Woody Allen und die Marx Brothers. Ein Vergleich

Woody Allen und die Marx Brothers

Woody Allen ist seit seiner Kindheit ein Fan der Marx Brothers und hat im Laufe seiner Karriere immer wieder Zitate oder sogar die Filme selbst in seinen Werken eingebracht. Bei der Veranstaltung „An evening with Groucho Marx“ im Jahr 1972 sagte Woody Allen Folgendes über den Ehrengast des Abends:

„Some years back, after a childhood of preocupation with comedy that led me to observing the styles of all the great comedians, I came to the conclusion that Groucho Marx was the best comedian this country ever produced. Now I am more convinced than ever that I was right. I can’t think of a comedian who combined a totally original physical conception that was hilarious with a matchless verbal delivery. I believe there is a natural inborn greatness in Groucho that defies close analysis as it does with any genuine artist. He is simply unique in the same way that Picasso or Stravinsky are and I believe his outrageous unsentimental disregard for order will be equally as funny a thousand years from now. In addition to all this, he makes me laugh.“

In dieser Rede sieht man, welch großen Respekt Allen Groucho Marx entgegen bringt, indem er ihn auf eine Stufe mit Künstlern wie Picasso stellt. Interessant ist an dieser Stelle, dass Allen Grouchos ganz eigene Art zu sprechen, zu formulieren und sich zu bewegen bewundert. So scheint es, dass Allen diese Einzigartigkeit von Gestik und Ausdrucksweise auch für seine eigene Darstellungsweise als essentiell erachtet und im Laufe seiner Karriere immer weiter perfektionierte und verfeinerte. Allen ist allgemein bekannt für seine nervöse und manchmal neurotische Darstellungsweise, seine Art zu sprechen, mit der er sich auch oftmals über die Pseudointellektuellen lustig macht und viele weitere kleine Besonderheiten, die Allens Art zu spielen seit jeher einzigartig machen. So meinte auch sein Vorbild Groucho Marx, in einem Interview, das er am 7. März 1972 Robert Ebert für das Esquire Magazine gab, über Allen:

“They say Allen got something from the Marx Brothers. He got nothing. Maybe twenty years ago, he might have been inspired. Today he’s an original. The best, the funniest. “

Diese Aussage bestätigt, dass Allen nicht schlicht kopiert, sondern verstanden hat, dass es für eine filmische Komikerfigur wichtig ist, einen ganz einzigartigen Stil zu kreieren und mit der „eigenen Sprache“ zu sprechen. Dass die Marx Brothers, wie auch Groucho Marx in dem Interview selbst sagt, zweifelsfrei eine Inspirationsquelle waren, werde ich anhand der Filmbeispiele später genauer erläutern.

Was Allen mit den Marx Brothers gemeinsam hat, ist die Liebe zum Zynismus und die auf humoristische Art dargebrachte Sozialkritik, die manchmal in Form von Worten unterschwellig zusticht und dann wieder über den Slapstick offensichtlich zuschlägt. Diese Mischung aus intelligenter Kritik und klassischem Klamauk ist seit Anbeginn des Films eine gekonnte, aber auch von Kritikern oftmals unterschätzte Art, den Zuschauern auf unterhaltsame Weise Missstände oder einfach verschleierte Realitäten vor Augen zu führen. Auf diesem Wege kann man Zuschauer aus allen Bildungsschichten ansprechen und für sich begeistern, weil sozusagen für jeden etwas dabei ist. Dass diese Kunstform gerne unterschätzt und unter der Kategorie „Leichte Unterhaltung“ abgelegt wird, ist Woody Allen vermutlich auch aus seiner eigenen Karriere bekannt, da seine Anfangsfilme von einigen Kritikern als reiner Klamauk bezeichnet und infolge dessen nicht eingehender betrachtet wurden. So betonte Woody Allen im Mai 2008 in einer kurzen Nachricht, in der er für die Erhaltung und Bewahrung des ehemaligen Wohnhauses der Marx Brothers in der 93ten Straße in New York eintrat, deren Bedeutung für die Filmgeschichte, sowie ihre Fähigkeit ein breites Publikum anzusprechen:

“From Japan to Russia, from Argentina to Alaska and all over Europe the Marx Brothers are revered as the greatest cinema clowns in talking pictures. They are universally adored by the most unsophisticated audiences to the highest intellectuals.  There’s never been anything like them, their films are not only an enduring part of movie history but of American culture and now well after their deaths the Brothers continue to exert their impact as strongly as ever.”

Hier haben wir auch einen weiteren Punkt, der Allen und die Marx Brothers verbindet, wenn er auch auf Allens filmische Arbeiten weit mehr Einfluss hatte als auf jene der Marx Brothers: sie alle stammen aus New York. So verwundert es nicht, dass sich Allen nicht nur aufgrund seiner Liebe für die Marx Brothers und ihrer Filme für den Erhalt des Hauses einsetzte, sondern auch wegen seiner Liebe zur Stadt New York, die wir in Bilder gefasst in vielen seiner Filme betrachten können. Er schrieb in einem Brief an die „93rd Street Beautification Association“, die das Gebäude aufgrund von städtebaulichen Modernisierungsmaßnahmen abreißen lassen wollte:

„As a filmmaker who is particularly interested in preserving the enormous charm and appeal of Manhattan, I have found myself supporting any number of preservation causes. The move to destroy the house the Marx Brothers grew up in on East 93rd street, is of course particularly repugnant to me not just because the look of older New York is what makes it so appealing in movies all over the world (and draws many tourists), but because the Marx Brothers are among the great comic artists in history, their accomplishments are revered internationally and in countries that place a high value on cultural contributions as opposed to simply bulldozing things in the name of progress, the Marx Brothers home would remain standing and affixed with a plaque. This would be a nice touch for the city and evidence that we have deeper priorities than just profits. Therefore, I urge the Marx Brothers house to be allowed to remain as a proud landmark.”

Woody Allen spricht hier einmal mehr von der großen Bedeutung der Marx Brothers und unterstreicht hier seine Auffassung von Kulturpolitik, die man als europäisch bezeichnen könnte und die auch in seinen Filmen immer wieder sichtbar wird, da er für die Erhaltung alter Gebäude plädiert, vor allem, wenn diese Geburts- oder Wohnstätten berühmter Künstler waren.

Interessant ist in dem Zusammenhang zwischen Woody Allen und Groucho Marx auch, Allens Bewunderung für den Autor George S. Kaufman, der er in einem Artikel in der New York Times mit dem Titel „I Appreciate George S. Kaufman“ Ausdruck verlieh. In diesem Artikel schreibt Allen, wie er als kleiner Junge für eine Schularbeit willkürlich ein Buch aus der Schulbibliothek wählte. Es handelte sich dabei um „You Can´t Take It With You“ von George S. Kaufman und Moss Hart. Allen erzählt, dass ihn die Ansammlung von liebenswert kuriosen Figuren, die versuchen in einem surrealen Chaos miteinander auszukommen und der wunderbare Humor von Anfang an begeistert hatten. Vor allem auch, weil ihn die eben genannten Figuren, an seine eigene Familie erinnerten. George S. Kaufman wurde für Allen ein Vorbild als er begann Theater-Komödien zu schreiben und begleitete ihn als Held für feinsinnige Komik und gekonnten Umgang mit Sprache, sein ganzes Leben lang. Kaufman ist in diesem Kontext so wichtig, weil er der Schreiber von einigen der bekanntesten Songs der Marx Brothers ist, sowie auch, zuerst als Vaudevillestücke- und später als Drehbuch-Autor für die Marx Brothers tätig war. Er war vor allem für den intelligenten Nonsens Groucho Marx´ verantwortlich. Kaufman schrieb bei „Cocoanuts“ und „Animal Crackers“ mit. Letzteres Stück sorgte aufgrund seines großen Erfolges, für ein Interesse und schließlich einen Vertrag von Seiten Hollywoods. Nachdem auch Kaufman erfolgreich zum Film gewechselt war, war er einer der Drehbuchautoren für den Marx Brothers-Film „A NIght at the Opera“. Die Marx Brothers, die in Bezug auf ihre Schreiber sehr kritisch waren, zeigten sich angesichts seiner Fähigkeiten immer wieder aufs Neue begeistert und arbeiteten sehr gerne mit ihm zusammen. Inwiefern man Spezifika von Grouchos Texten auch bei Allen wieder findet, werde ich später noch genauer erläutern.

Direkte Zitate

Neben den zahlreichen stilistischen Zitaten, die sich immer wieder in Allens Filmen finden, gibt es auch Szenen, in denen direkt Bezug auf die Marx Brothers genommen wird.

So zum Beispiel in dem Film „Hannah and her Sisters“ aus dem Jahr 1986. Woody Allen spielt in diesem Film den depressiven und von Ängsten vor Krankheit und dem Tod getriebenen New Yorker Mickey Sachs, der in dieser Sequenz seine Odyssee aus einer psychischen Krise erörtert. Parallel zu seiner Erzählung aus dem Off, sieht man die geschilderten Geschehnisse bildlich. Mickey hatte sich, durch die verzweifelte Suche nach einem höheren Sinn, selbst das Leben schwer gemacht. Er spricht von Philosophen wie Sokrates und Nietzsche, deren Werke er gelesen hat und deren Thesen ihn eher noch deprimierter oder ratloser zurück ließen. Schließlich kommt er an den absoluten Tiefpunkt und möchte sich erschießen, doch der Selbstmordversuch scheitert. Er rutscht mit dem Gewehr auf seiner schweißnassen Stirn ab, und schießt in den Spiegel hinter sich. Um vor den tobenden Nachbarn zu fliehen und wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, geht Mickey nach draußen und spaziert ziellos durch die Stadt, bis er schließlich in ein kleines Kino geht, ohne zu wissen, welcher Film als nächstes gespielt wird, um sich auszurasten. Amüsant ist an dieser Stelle, dass Mickey, kurz bevor wir sehen, welcher Film laufen wird, sagt:

„I just needed a moment to gather my thoughts and be logical and put the room back into a rational perspective.”

Er betritt den Kinosaal, und wir sehen Ausschnitte aus der Musiksequenz “This Country´s Going to War“ aus dem Marx Brothers-Film „Duck Soup“, oder wie er im Deutschen heißt „Die Marx Brothers im Krieg“. Amüsant ist die voran gegangene Aussage deshalb, weil ausgerechnet die Marx Brothers weit entfernt sind von Begriffen wie „logical“ und „rational perspective“. Schon allein dieses Paradoxon ist bezeichnend für die ganze Sequenz. Erst als Mickey den Marx Brothers beim Xylophon spielen auf behelmten Soldatenköpfen zusieht, bekommt er eine ruhigere und optimistischere Sicht der Dinge. Er erzählt, dass er, als er die Menschen auf der Leinwand betrachtete, die so gelöst und überaus komisch waren, realisierte, dass es keinen Sinn macht, Antworten hinterher zu jagen, die man vermutlich niemals finden wird. Da man nie wissen wird, ob es einen Gott gibt oder ob wir, wie Nietzsche sagt, unser Leben immer und immer wieder durchleben, sollte man davon ausgehen, dass jeder Mensch nur ein Leben hat, und dieses gilt es zu genießen.

Das möglicherweise Absurde an dieser Situation ist, dass sich Mickey durch hoch philosophische und intellektuell anspruchsvolle Schriften kämpft, von denen die Menschheit und auch er annehmen, sie könnten ihnen die Sinnfrage beantworten. Im Endeffekt aber stürzt man bei deren Studium zumeist nur noch mehr in die Krise. Erst die Marx Brothers, mit ihrem anarchistischen Humor, der vor nichts Halt macht und die Absurdität und Skurrilität dieser Welt aufzeigt, schaffen es, ihm jene im Grunde sehr simple Erleuchtung zu bringen, nach der er so lange gesucht hat.

Ein zweites konkretes Beispiel ist der Musical-Film „Everyone Says I Love You“ aus dem Jahr 1996, benannt nach dem gleichnamigen Lied aus dem Marx Brothers Film „Horse Feathers“, zu Deutsch „Blühender Blödsinn“. In der Schlussszene des Films befinden sich die beiden Hauptdarsteller Woody Allen und Goldie Hawn, auf einer Kostüm-Silvesterparty mit „Groucho Marx“ als Verkleidungsmotto. Der Höhepunkt der Party ist Gesangs- und Tanz-Performance eines Groucho-Ensembles das „Hooray For Captain Spalding“, ein Song aus dem Film „Animal Crackers“, präsentiert.

Woody Allen und Groucho Marx – Ein stilistischer und thematischer Vergleich

Seit „A Night at the Opera“ begannen die Marx Brothers Filme stets mit Groucho Marx in der ersten Szene, womit wir gleich bei der ersten Ähnlichkeit sind. Im Gegensatz zu Groucho, tritt Allen in der ersten Szene nicht immer persönlich auf, sondern agiert als Erzähler, der dem Zuschauer kurz umreißt wo er sich befindet, was bisher geschehen ist und wie die Hauptfigur, meist gespielt von Allen, zu charakterisieren ist. So geschieht dies auch in dem von mir gewählten Beispiel „Love and Death“ aus dem Jahr 1975. Auch ziemlich zu Beginn des Filmes finden sich zwei weitere Ähnlichkeiten. Boris, gespielt von Allen, führt ein Gespräch mit seiner Vertrauten Sonja über die Existenz Gottes und darüber, ob es ohne den Gottesglauben einen Grund gibt sich an moralische Regeln zu halten. Die beiden verlieren sich dabei in einer absurden Fülle von Fachausdrücken bis man das Gefühl hat, dass sie selbst nicht mehr genau wissen worauf sie eigentlich hinaus wollen. Der satirische Blick auf pseudointellektuelle Diskussionen und Menschen aus der bürgerlichen Mittelschicht, finden wir bei Allen immer wieder, wobei er selbst einer dieser Pseudointellektuellen ist, also nicht von außen kritisiert sondern selbstironisch vorgeht. Eine sehr schöne Vergleichsszene hierzu finden wir in dem Film „Animal Crackers“, als Captain Spaulding mit dem Millionär und Kunstliebhaber Chandler ins Gespräch kommt und sich Letzterer gerne als Intellektueller präsentieren möchte, doch Spaulding ihm immer wieder durch seine bitterböse Konter den Wind aus den Segeln nimmt beziehungsweise, sich mit zynischen, gespielt intellektuellen Antworten über seinen Gesprächspartner lustig macht. So schlägt er Chandler vor, sein Opernhaus in den Central Park zu bauen, am besten nachts, wenn es niemand sieht um gleich weiter zu gehen und seinen Vorschlag weiter auf die Spitze zu treiben, bis er in folgenden Satz gipfelt:

„Well, Art is Art, isn´t it? Still, on the other hand, water is water. And east is east. And west is west and if you take cranberries and stew them like applesauce they taste much more like prunes than rhubarb does. Now tell me what you know.”

An diesem Beispiel können wir sehen, dass es bei beiden das Ziel gibt, das intellektuelle Gespräch ad absurdum zu führen, doch mit unterschiedlichen Methoden. Allen lässt die Figuren in einen überspitzten Dialog treten bis sie irgendwann den Faden verlieren, während Groucho den intellektuellen Widerpart gar nicht erst richtig zu Wort kommen lässt, sondern durch seine absurden Ausführungen, sowohl seinen Gesprächspartner als auch sich selbst komplett verwirrt.

Die zweite Szene, die bereits zu Beginn steht, folgt gleich auf das intellektuelle Gespräch, als Boris und Sonja in den Eingangsraum des Hauses kommen, wo Boris´ Bruder verkündet, dass Napoleon Österreich überfallen hat und ein Streitgespräch über die Kriegsvorbereitungen Russlands und den Krieg selbst entbrennt. Boris bezeichnet sich als Pazifist und möchte nicht in den Krieg, den wütenden Aufforderungen, diverser Freunde oder Familienmitglieder, entgegnet er mit zynischen Antworten. Ein Beispiel dafür ist dieser Wortwechsel:

A:         „What are you going to do, when the french soldiers rape your sister?”

Boris:   “I don´t have a sister.”

A:         “That´s no answer!”

Boris:   “Who they gonna rape? Ivan? I´ll throw up!”

Als Gegenstück auf Seiten Grouchos würde ich hier eine Szene aus “A Night at the Opera” sehen, in der Grouchos Figur Driftwood, kurz bevor es eng wird, verschwinden will. Seine Mitstreiter versuchen ihn davon abzuhalten. Als ihn der Erste fragt, ob Driftwood ein Mann oder eine Maus sei, gibt er diesem den Tipp, ein Stück Käse auf den Boden zu werfen um das herauszufinden und als sich ihm der Zweite in den Weg stellt, und androht, Driftwood käme nur über seine Leiche aus dem Raum, antwortet dieser: „Na dann hab´ ich eine weiche Unterlage.“ Hier sehen wir, ein wesentliches Merkmal, das beiden Figuren zu Grunde liegt: wenn es für sie gefährlich wird, machen sie sich lieber aus dem Staub. Sie müssen entweder dazu überredet oder genötigt werden. Einen Unterschied gibt es jedoch auch hier. So wirkt Allen stets nervös und ängstlich wenn er Kontra gibt, während Groucho, kein Hehl daraus macht, von den Sachlagen, mit denen er betraut ist keine Ahnung zu haben und dabei selbstbewusst auftritt.

Ein weiteres schönes Beispiel für stilistische Ähnlichkeiten finden wir in der Duell-Szene in „Love and Death“. Nachdem Boris aus pazifistischen Gründen lieber in die Luft, als auf seinen Widersacher schießt, ist dieser von so viel Gnade beeindruckt und erfährt eine Läuterung. Er erzählt Boris unter anderem, dass er eigentlich immer Sänger werden wollte und stimmt ein Liedchen an. In diesem Moment blickt Boris direkt in die Kamera, wendet sich damit direkt an den Zuschauer, sagt mit sarkastischem Unterton, dass sein Gegner ein guter Sänger ist und, dass er ihn vielleicht doch besser erschossen hätte. Ähnliche Szenen finden wir immer wieder in Marx Brothers Filmen, wenn sich Groucho direkt an Zuschauer wendet, um seine Gedanken über eine andere anwesende Person zu teilen. So zum Beispiel auch in der eben genannten Szene, wenn sich Groucho mit Chandler unterhält. Groucho fragt seinen Gesprächspartner, nach dem Thema Kunst, woraufhin dieser gleich zu großen Ausführungen ansetzen will. Groucho zieht die Frage schnell zurück und meint in die Kamera, dass Chandler die Themen viel zu ernst nimmt und es deshalb zu gefährlich ist ihm Fragen zu stellen. Der Zuschauer bekommt hier das Gefühl, mit dem Hauptdarsteller ein Vertrauensverhältnis zu unterhalten, da dieser Gedanken preisgibt, die die anderen Figuren nicht mitbekommen. Man fühlt sich, als würde man in die Szene eingebunden werden. Die Methode sich direkt an das Publikum zu wenden, war und ist bei vielen komödiantischen Darstellern seit jeher ein beliebtes Mittel, die vierte Wand zu durchbrechen und den Zuschauer in das Spiel einzubinden. Vermutlich stammt diese Technik noch aus dem Vaudeville, bei dem auch die Marx Brothers groß geworden sind, als man dem Publikum noch direkt gegenüber stand.

Ein weiteres Beispiel ist jene Szene, in der sich Boris und Sonja als Don Francisco und dessen Schwester ausgeben um an Napoleon heran zu kommen. Beim Empfang lernen ihn die beiden schließlich kennen und Napoleon sagt zu Boris:

„It´s a great honour for me.“

Woraufhin Boris erwidert:

“No it´s a greater honour for me.”

Dies führt zu einem mehrmaligen Hin und Her, wer nun mehr geehrt ist, den jeweils anderen kennen zu lernen, bis Boris schließlich nachgibt. Napoleon geht weiter zu Sonja und fragt sie:

„You must be Don Franciscos sister?“

Woraufhin diese erwidert:

“No, you must be Don Franciscos sister.”

Erneut folgt ein Hin und Her, das aber nun den Dialog zwischen Boris und Napoleon ad absurdum führt, beziehungsweise das gesamte höfliche Vorstellungsritual.

Eine ähnliche Szene findet sich in dem Film „A Night at the Opera“. In dieser stellt Driftwood, gespielt von Groucho, die reiche Witwe Claypool dem Operndirektor Gottlieb vor, in dem er ständig die Namen wiederholt und dadurch ein Hin und Her wie bei Allen entsteht. Am Ende führt Driftwood im Rhythmus seiner Worte ein kleines Tänzchen auf, sehr zum Ärger von Claypool und Gottlieb, die sich bereits zum zehnten Mal voreinander verbeugen.

Fazit

Abschließend kann man sagen, dass sich die Groucho- und die Allen-Figur in den Punkten wie Zynismus, Feigheit, schnelles Reden, direktes Ansprechen des Publikums und absurde Dia- und Monologe ähneln. Auch bei bestimmten Gesten erkennt man Groucho Marx als Vorbild, zum Beispiel das peinlich berührte, jungenhafte Flirten mit einer Frau. Ein hauptsächlicher Unterschied ist auf jeden Fall Allens nervöses, gehetztes und unsicheres Verhalten, das im Gegensatz zu Grouchos listigem, eher lautem und selbstbewusstem Auftreten steht. So ist die Aussage von Groucho Marx, die ich zu Beginn meines Essays zitiert habe, zu bestätigen, dass die Marx Brothers als Inspirationsquelle dienten, doch Woody Allen seinen ganz eigenen unverwechselbaren Stil entwickelt hat.

Quellenverzeichnis

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Gehring, Wes D.; The Marx brothers: a bio-bibliography; Greenwood Publishing Group, 1987

Hedmark, Stefan; “Bananas: When Woody Was a Marxist”; (29.03.2008); the MovieHamlet; http://www.moviehamlet.com/review/1490/bananas-when-woody-was-a-marxist [06.03.2012]

Hobsch, Manfred; Film ab: die Marx Brothers: das große Buch für alle Fans der Anarcho-Komiker; Schwarzkopf & Schwarzkopf; 2001

Nesselson, Lisa; “Woody Allen in Paris spotlight”; (Februar 1997); parisvoice – the webzine for English-speaking Parisians;

“Woody Allen in Paris spotlight”, Written by Lisa Nesselson, Movies, February 1997, parisvoice – the webzine for English-speaking Parisians

Reimertz, Stephan; Woody Allen; Rowohlt Taschenbuch Verlag; 2005

Header: Woody Allen & Groucho Marx © http://www.lettersofnote.com/2012/09/there-is-no-money-in-answering-letters.html

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