Frauenrollen im Film Noir

Die Hintergründe

Der Film Noir war eine Reaktion, auf die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die sozialen Gefüge sowie die Geschlechterrollen waren im Begriff sich zu verändern. Die Familie, die sowohl in der US-amerikanischen Gesellschaft wie auch in weiterer Folge in den klassischen Hollywoodfilmen der 30er und 40er Jahre die Grundlage eines erfüllenden Lebens und die Lösung aller Probleme darstellte, gab es teilweise in ihrer klassischen Form nicht mehr. Vor Kriegseintritt der USA und auch währenddessen war die Familie das Leitbild und die Motivation im Kampf für die „große Sache“. Doch ab 1945 wurden all die einseitigen Darstellungen des American Way Of Life von der Realität des Krieges und seinen Folgen eingeholt. Viele Männer kamen traumatisiert oder gar nicht mehr aus dem Krieg zurück. Die zu Hause gebliebenen Frauen mussten die Arbeitsplätze der Männer übernehmen und sich alleine um ihre Kinder kümmern. Daraus entstand eine neue Selbstständigkeit der Frauen, mit der die Heimkehrer teilweise nur schwer umgehen konnten. Vor dem Krieg definierte sich die Frau über ihre Rolle als Hausfrau und Mutter. Dies war nicht nur ihre Rolle innerhalb der Familie, sondern auch jene innerhalb der Gesellschaft. Diese Dekonstruktion der Familie sowie die neuen „Frauenrollen“ spiegelt sich in den Charakteren des Film Noir wider. Zwar versuchte Hollywood teilweise auch nach dem Krieg, Frauen und Männer wieder in ihre alten Rollen zurück zu führen. Die Familie und die klassischen Geschlechterrollen wurden nach wie vor als die Grundlage für ein erfülltes und glückliches Leben präsentiert. Doch sowohl auf Seiten der Filmemacher als auch auf Seiten des Publikums wurde der Wunsch nach einem kritischeren Blick laut. Diesen neuen Blick brachte der Film Noir.

Die Familie, und daraus resultierend die Geschlechterrollen, ist jedoch nicht das einzige System, das sich im Film Noir in Auflösung befindet. So gut wie alle Institutionen, die darauf ausgerichtet sind, dem Menschen Schutz zu bieten, erfüllen diese Aufgabe immer weniger. Die Polizei ist von Korruption und Verbrechen durchsetzt, die engsten Freunde stellen sich als „falsche Freunde“ heraus  und es scheint, als könne man keinem mehr vertrauen. Diese düstere Atmosphäre aus ständiger Paranoia und dem Misstrauen allem und jedem gegenüber, ist sicherlich auch eine Widerspiegelung der Angst vor dem Kommunismus in den USA der 1950er Jahre. Der Film Noir löst nicht nur die Darstellung des American Way Of Life im Hollywoodkino auf, er löst auch die klare Trennung von Gut und Böse auf. Er zeigt  Detektive, die sich nicht davor scheuen, bei ihren Ermittlungen Gangster-Methoden einzusetzen, und Frauen, die für ihre Unabhängigkeit auch über Leichen gehen. Jeder und jede hat eine gute und eine böse Seite und muss sich der rauen Ellbogentechnik der Großstadt anpassen, wenn er oder sie überleben will.

 

Die unabhängige Frau vor dem Film Noir

Es gab auch schon vor dem Aufkommen des Film Noir unabhängige und rebellische Frauen im Film. So kann man bei den Femmes fatales der 1940er Jahre eindeutige Parallelen zu den männerverführenden und manipulierenden Rollen von Greta Garbo und Marlene Dietrich feststellen. Schauspielerinnen wie Rosalind Russell, Barbara Stanwyck und Katherine Hepburn verkörperten die zynischen und toughen Geschäftsfrauen, die sich nicht an einen Mann binden wollten. Doch die Figurenentwicklung ist stets dieselbe. Die Femmes fatales erkennen ihren weichen Kern und wenden sich dem Familienleben zu oder stellen das zweifelhafte Glück, von dem sie meinen es zerstört zu haben, wieder her, meist kurz bevor sie sterben. Die selbstbewussten Geschäftsfrauen werden durch das Finden ihrer großen Liebe von ihrem Zynismus und ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit „geheilt“ und entscheiden sich ebenfalls für ein Leben als Hausfrau und Mutter. Der Drang nach Unabhängigkeit wird also stets als der falsche Weg für eine Frau  dargestellt. Die Frau, die ihren Platz in der Familie einnimmt, wird in der weiteren Geschichte belohnt, während die Frau, die für Selbstständigkeit plädiert beziehungsweise die üblichen Geschlechterrollen hinterfragt, bestraft wird. So ist diese Sicht von richtigem Zusammenleben nicht nur in den Figuren, sondern in weiterer Folge auch in der Dramaturgie verankert.

 

Die Familie im Film Noir

Oftmals wurde Kritik geübt, dass der Film Noir ebenfalls das Bild der Familie als das ultimative Gute vermittelt, nur auf eine noch drastischere Art und Weise. Frauen, die intrigieren und ihre sexuellen Reize ausnutzen, um der Reihe nach Männer zu verführen, sterben am Ende oder kommen ins Gefängnis. Genauso hart bestraft werden jene Männer, die sich bezirzen lassen. Sie enden meist in Paranoia und Einsamkeit. Hingegen die Familie und jene Frauen und Männer, die sich für diese entscheiden, werden belohnt. Es ist so ähnlich wie die Gegenüberstellung von Paradies und Erde. Jene, die den richtigen Weg wählen und der Verführung widerstehen, können in einer friedvollen und ehrlichen Welt leben. Doch jene, die der Verführung nicht widerstehen beziehungsweise selbst zum Verführer/zur Verführerin werden, die sind dazu verdammt, in jenem unmoralischen und gewaltbeherrschten Chaos der Großstadt zu leben, das wir aus dem Film Noir nur allzu gut kennen. Es wird also durchaus eine Veränderung in der Gesellschaft gezeigt, wie ich im vorangegangenen Abschnitt „Die Hintergründe“ ausgeführt habe, die jedoch, so die Kritiker des Film Noir, keineswegs positiv dargestellt wird, sondern als ein Abkommen vom rechten Weg. Auffallend ist auch, dass die Figuren im Film Noir zwar alle weder rein gut noch rein böse sind und oftmals die Schwelle zum Verbrechen überschreiten, doch für die Frauen, vor allem die Femmes fatales gibt es nie einen Zwischenweg, sich von ihrem Mann zu trennen, der Ausweg ist stets seine Ermordung. Sie werden also viel stärker in die Ecke des Bösen gedrängt als die anderen Figuren. Infolge dessen fällt auch ihre Bestrafung härter aus als jene des verführten Mannes. Die Frau endet als Gefangene oder Tote, während den Mann das Los der Enttäuschung und der Einsamkeit trifft. Obwohl an dieser Stelle die Frage auftaucht, ob es eine härtere Strafe ist in Frieden zu ruhen als in Einsamkeit zu leben. Es gibt allerdings auch Filme, in denen der Held am Ende mit der anfänglichen Verführerin in die Ehe und in ein glückliches Leben findet wie zum Beispiel in „Murder, My Sweet“(1944) und „Gilda“(1946). Allerdings ist auch hier der einzige Weg, um Glück zu finden die Ehe, und die einst unabhängige Frau ist nun an einen Mann gebunden.

Es gibt aber auch noch einen differenzierteren Blick auf den Film Noir und die Rolle von Familie und Frauen darin. Der Film Noir ist als unterschwellige, erste Kritik an dem Nonplusultra Familie zu sehen. Zuerst bricht der Mann aus der Ehe aus, um nach Unabhängigkeit und/oder einem anderen Typ Frau zu suchen und auch die Femme fatale ist eine Frau, die sich nicht länger in die Abhängigkeit von einem Mann drängen lassen will. Dieser Ausbruch findet offensichtlich statt, weil offensichtlich auch die Institution der Ehe und der Familie nicht für alle Menschen jene Zufriedenheit bietet, die sie sich wünschen. Somit kratzt der Film Noir an der idealen Fassade der Familie. Sobald sich der Mann oder die Frau aus der sicheren Umgebung herauswagen, werden sie verletzt und auch kriminalisiert, was aber auch als eine Kritik an dem Umstand verstanden werden konnte, dass es keine von der Gesellschaft anerkannte Alternative zur Ehe gab. Es gab nur die Ehe oder das Lotterleben, so scheint es, doch natürlich macht einen Ausbrecher auch die Unabhängigkeit nicht glücklich, solange er als Außenseiter der Gesellschaft behandelt wird. In einer Welt, in der jeder Mensch sowohl Gutes als auch Böses in sich trägt, kann es auch in anderen Bereichen nicht mehr nur das eine oder das andere geben. Die Frauenrollen haben also im Film Noir die Funktion, dieses Hinterfragen der bisherigen Formen von Familie und Ehe darzustellen beziehungsweise voranzutreiben.

Die meisten Kritiker gliedern die Frauenrollen des Film Noir in die Femme fatale und die „gute“ Frau. Doch John und Stephanie Blaser fügen in ihrem Aufsatz noch einen dritten Typ vor: den „marrying type“. Ich möchte mich, wie bereits erwähnt, an dieser Aufteilung orientieren, nun diese drei Frauenrollen vorstellen und mit Filmbeispielen unterlegen.

 

Die Femme fatale

Dieser Figurentyp bietet wohl die dramatischste Veränderung des Frauenbildes, die der Film Noir mit sich brachte und auch die personifizierte Kritik an den bisherigen Zuständen. Sie sieht die Ehe als Gefängnis und den Ehemann als Partner, der sie weder physisch noch psychisch zufriedenstellt. Sie nutzt hingegen ihre Intelligenz und ihre Attraktivität, um das zu bekommen, was sie will, um damit unabhängig zu bleiben. Wie bereits erwähnt, gewinnt nur sehr selten die Liebe zum Helden die Oberhand über ihre Freiheit. In den meisten Filmen ist sie bereit, sowohl über Leichen als auch in den Tod zu gehen, statt sich „verbiegen“ zu lassen und ihren Prinzipien untreu zu werden. So hinterlässt sie beim Zuschauer trotz ihres tragischen Endes das Bild einer starken und bis zum letzten Atemzug freien Frau.

Der Mord am Ehemann ist für die Femme fatale das Ticket in die Freiheit, sie befreit sich damit von der Fessel der Ehe. Durch ihre Verführungskünste schafft sie es, in der Frau-Mann-Beziehung die Überlegene zu werden. Während ihr die Männer verfallen, die einerseits von ihrer Unabhängigkeit fasziniert und angezogen sind, versuchen sie aber andererseits sie in eine klassische Verbindung zu drängen. Sie bleibt aber stets sachlich und beendet die Affäre, bevor sie Gefahr läuft, wieder eingesperrt zu werden. Sie begibt sich so in eine Beziehung, in der sie die Regeln bestimmt und in der sie nicht, wie in der Ehe zuvor, wie ein Gegenstand behandelt wird, der für den Mann von Welt unerlässlich, aber eben auch nicht mehr ist als ein teures Gemälde, das man stolz seinen Freunden präsentiert, zu dem man aber keine emotionale Verbindung aufbaut. So wie auch einer der Männer in einer Szene des Filmes „I Wake Up Screaming“ aus dem Jahr 1941 in Bezug auf Frauen sagt: „“Well, you’ve got to have them around — they’re standard equipment.“

Die Ehe ist die Institution, die diese Behandlung der Frau als Gegenstand erst möglich macht. Für die Femme fatale ist die Ehe wie ein Käfig, der eine Atmosphäre voll Langeweile und Abneigung erzeugt, es fehlt die leidenschaftliche Zuneigung, die zwischen Liebenden vorhanden sein sollte. Stattdessen fühlt sich die Femme fatale wie ein lästiges Ding, das der Mann nur braucht, wenn er sich vor anderen präsentieren muss, das er aber gerne ignoriert, wenn es ihm nicht von Nutzen ist. Dieses beklemmende Gefühl wird noch dadurch auf beinahe sadistische Weise unterstützt, dass viele der Ehemänner es förmlich genießen, ihre Frauen mit anderen, jüngeren Männern zusammen zu führen, nur um ihnen abermals vor Augen zu halten, was sie nicht haben können. Die Frau und ihr Geliebter erkennen, dass sie sich nicht auf „normalem“ Weg ihres Ehemannes entledigen beziehungsweise er niemals die Frau, die er liebt, haben kann. Der Ehemann ergötzt sich an seiner Machtposition. Auch ist auffallend, dass die Ehemänner meist um einiges älter sind als ihre Frauen. So verstärkt sich das Bild der Ehefrau als Trophäe sowie die anfängliche körperliche Anziehung zu einer jungen, schönen Frau, die jedoch nie von tiefer innerer Zuneigung begleitet wird und irgendwann ebenfalls verschwindet. So zu sehen in dem Film „The Lady from Shanghai“ aus dem Jahr 1946 in dem  Rita Hayworth mit einem physisch beeinträchtigen und sadistischen Mann verheiratet ist, der sie in eine Affäre treibt, nur um sie und ihren Geliebten anschließend zu zermürben. An dieser Stelle ist auch festzustellen, dass die Ehemänner, wie auch in dem eben genannten Film, körperliche Handicaps besitzen, die klar machen aHaHksncycnm,y, dass die Ehe, auch in Hinsicht auf sexuelle Erfüllung sowie die Agilität der jungen Ehefrau, für die Frau wenig befriedigend sein kann. Diese Interpretation wird auch von dem Umstand unterstützt, dass die Ehen im Film Noir beinahe alle kinderlos sind, was auch wiederum der klassischen Form der Familie widerspricht.

Natürlich trägt auch die düstere Gestaltung der Umgebung im Film Noir ihren Teil zu der beklemmenden Atmosphäre der Ehe bei. Die Häuser, in denen die Paare leben, sind düster und mit schweren Vorhängen und Bildern geschmückt. Die leeren Augen der erbeuteten Wildtiere, die als Trophäen die Wände zieren, passen zu jenen der ebenfalls wie ein weiteres Schmuckstück ergatterten jungen Ehefrau, die in dieser erstickenden Umgebung förmlich nach Luft ringt. Der Zuschauer kann die Situation, in der sich die Femme fatale befindet, direkt nachempfinden, das Gefangensein in den eigenen vier Wänden. Hier haben wir wieder ein Motiv, das ich bereits bei den Hintergründen angeschnitten habe, dass nämlich all die Räume, die dem Menschen Schutz bieten sollten, oder Orte, an denen er ganz er selbst sein und sich geborgen fühlen könnte, ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Statt einem Zuhause, in das man gerne heimkehrt, und einem Partner, mit dem man seine Sorgen, Ängste und alle anderen intimen Gefühle teilen kann, finden wir im Film Noir einen kalten und abstoßenden Raum, in dem sich die Figuren eher gefangen als befreit fühlen. Er zeigt  ein Paar, das nebeneinander oder sogar gegeneinander lebt und stets auf paranoide Art fürchten muss, dem anderen etwas von sich selbst preiszugeben. Wir finden auch stets Symbole für diese Paranoia und die innere Zerrissenheit der Charaktere. Spiegel; Paravents und Treppen, die die Räume und scheinbar auch die Menschen teilen; Eingangshallen, die so groß sind, dass man seine eigene Stimme als Echo widerhallen hört; Statuen, die einen scheinbar überall beobachten und halb verdunkelte Fenster, die einen stets umherfliegende Schatten sehen lassen. All das trägt noch zusätzlich zu jener Atmosphäre bei, die das Haus der Verheirateten irgendwann einem „Mausoleum“ gleichen lässt, wie Dick Powell in der Rolle des Philipp Marlowe einmal über eines der Häuser sagt.

Das komplette Gegenteil zu diesem bedrückenden Bild ist die Darstellung der Femme fatale selbst. Mit ihrem Aussehen, ihrer Art zu sprechen, ihrem ganzen Auftreten und durch den gekonnten Einsatz der Kamera verkörpert sie gesellschaftliche und sexuelle Unabhängigkeit. Sie bleibt dem Zuschauer durch ihr kämpferisches und selbstbewusstes Auftreten in Erinnerung, selbst wenn ihre Geschichte mit ihrem Tod oder dem Wandel zu einer etwas traditionelleren Rolle endet. Sie trotzt den zerstörerischen Einflüssen ihrer Umgebung, die versucht, sie zurück auf den üblichen Platz zu drängen. Doch sie scheint viel zu sehr in sich gefestigt zu sein, um sich zurück in die Fesseln der Ehe zu begeben, denn durch ihr Auftreten und den daraus entstehenden Erfolg, definiert sie auch sich selbst und findet immer mehr Kraft in ihrer Unabhängigkeit.

Die Femme fatale stellt für das Konzept der Familie sowie für Männer, die in diesem Konzept unzufrieden sind, eine Gefahr dar, da sie ihre Sexualität selbst bestimmt und außerhalb der Ehe auslebt. Sie schläft mit Männern aus Spaß, und/oder um diese zu kontrollieren und nicht im klassischen innerfamiliären Sinn zur Kinderzeugung. Durch ihr verführerisches Auftreten zieht sie sowohl den Helden als auch das Publikum in ihren Bann, und dieser kann auch durch ihr tragisches Ende nicht gebrochen werden. Unterstützt wird dies alles durch den Kamerablick, der oftmals den subjektiven, voyeuristischen Blick des Helden wiedergibt, der zum Beispiel den Blick über ihren ganzen Körper schweifen lässt. Die Kamera hat durch ihre Verbundenheit mit dem Blick des Helden, genau dieselbe Obsession für die Femme fatale wie der Held selbst und verankert auf diesem Weg das Bild dieser starken Frau im Gedächtnis der Zuschauer. Oftmals tragen auch Fotos und Porträtgemälde der verstorbenen Femme fatale dazu bei, dass sie sogar nach ihrem Tod noch Männer in ihren Bann zieht. Ihre Macht Männer zu kontrollieren geht also bis über ihr Dahinscheiden hinaus, der Tod wirft keinen Schatten auf das von ihr gestaltete Bild einer faszinierenden Frau. Auch wenn sich die Femme fatale, in seltenen Fällen, am Ende für ein Dasein als Hausfrau und Mutter entscheidet, so bleibt doch ihr kontroverser Charakter im Geiste des Zuschauers präsent. Doch im Großteil des Film Noir steht die Femme fatale zu ihren Prinzipien, setzt sich gegen Versuche der Männer durch, sie in die Rolle einer Ehefrau zu drängen oder sie wie ein Ding oder ein kleines Mädchen zu behandeln.

 

Die gute Frau

Sie stellt die Frau in ihrer klassischen Rolle dar und steht damit im Kontrast zur Femme fatale. Die gute Frau bietet dem Helden eine Möglichkeit, sich von der verführerischen Femme fatale loszusagen und ein geregeltes Familienleben zu führen. Im Endeffekt kann sie diesen Kampf jedoch nur verlieren, da sie für die starke Femme fatale keine Gegnerin darstellt und für den Helden mit seinen verschrobenen Moralvorstellungen eine unerreichbare Illusion zu sein scheint.

Die gute Frau wird auch visuell ganz anders präsentiert, sie erscheint in klassischer Hollywood-Beleuchtung und in einer sauberen, heimeligen Umgebung, die einen starken Kontrast zu den schmutzigen, dunklen Räumen darstellt, in denen sich der Held und die Femme fatale bewegen. Durch ihre klassisch zurückhaltende, betreuende und devote Art spielt sie zwar den heilenden Schutzengel für den Helden, kann aber nicht seine Zuneigung als Mann gewinnen, da sie der leidenschaftlichen, temperamentvollen Femme fatale kaum etwas entgegenzusetzen hat. Meist ist die gute Frau zwar eine überaus loyale Partnerin, doch sie ist dem verbrecherischen Chaos, in dem sich der Held bewegt, nicht gewachsen und droht daran zu zerbrechen, wie zum Beispiel die Figur der Ann in dem Film „Out of the Past“, die trotz anfänglicher Aufopferung, schließlich an den Tatsachen zu zerbrechen droht, dass der Mann den sie liebt, in Verbrechen verwickelt ist und etwas für eine andere Frau empfindet. Am Ende wird sie angelogen, damit sie sich loslöst und nicht an der Realität zu Grunde geht. Oftmals bestimmen Lügen das Zusammenleben, da die Wahrheit der guten Frau nicht zugemutet werden kann, da sie wesentlich zerbrechlicher ist als die Femme fatale. Die gute Frau wirkt wie ein Charakter ohne Ecken und Kanten und ohne Geheimnisse. Sie zeigt sich in der Welt, in der sie sich befindet, eher langweilig und für den täglichen Lebenskampf zu wenig gerüstet. Zudem scheint es, dass das klassische Familienleben auf Lügen aufgebaut werden muss, da diese Idylle nicht zu bewahren ist, sobald sie mit der schmutzigen Realität konfrontiert wird. So bietet die Familie keine Zuflucht für den Helden, weil sie auf einem sehr zerbrechlichen Fundament gebaut ist. Diese Idylle ist in weiterer Folge keine Alternative zu einem Leben mit einer Femme fatale, die den Helden zwar auch in das Verderben reißt, aber eben gelernt hat, in dieser moralisch verkommenen Welt zu überleben.

Die Ehe hat weitgehend keinen Platz im Film Noir, und wenn sie vorkommt, ist sie negativ besetzt. Sogar die guten Männer sind entweder nicht oder unglücklich verheiratet. Die Ehe ist auch für den Helden keine plausible Lösung. Die Femme fatale lässt sich nicht in eine Verbindung drängen, stürzt den Helden außerdem immer weiter in den Abgrund und muss deshalb vernichtet werden. Die gute Frau ist aber von ihren Moralvorstellungen her zu weit von jener Welt entfernt, in der sich der Held bewegt.

 

Eine Ehefrau

Ab den späten 1940er Jahren tritt eine neue Frau auf den Plan des Film Noir: die Ehefrau. Sie fordert vom Helden ein, seiner von der Gesellschaft festgelegten Rolle als Gründer und Ernährer einer Familie nachzukommen, jener Rolle, die der Held stets als beengend empfunden hat. In der späten Phase des Film Noir verschieben sich die Auffassungen von Freund und Feind. Nicht mehr andere Männer oder die Femme fatale werden als Gegner des Helden gesehen, die zerstört werden müssen, sondern die Ehefrau. Die früheren Feinde stellen insofern keine Bedrohung dar, da sie als potentielle Ehepartner ausscheiden. Das Drängen in eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber wird nun als das Worst-Case-Szenario betrachtet, infolge dessen muss die Frau, die diesen Druck ausübt, vernichtet werden. Doch parallel zu diesem neuen Frauentyp, verändert sich auch der Held. Er ist kein halbkrimineller Detektiv mehr, sondern ein sauberer Angestellter wie zum Beispiel in „D.O.A.“ und „The Big Heat“. Die Ehe stellt für diese Helden keine weitentfernte Illusion mehr dar, sondern viel mehr eine viel zu nahe Realität.

Die Ehefrau spiegelt das in Hollywood klassische Bild einer Hausfrau und Mutter wieder. Sie wird dem Mann nicht in dem Sinne gefährlich, wie es die Femme fatale wurde. Sie stellt viel mehr eine Gefahr dar, da sie sich mit ihrer Rolle in der Gesellschaft abgefunden hat, diese perfekt spielt und für die Rebellion ihres Gatten kein Verständnis aufbringen kann. Es scheint, dass sie dem Aufgeben von jugendlichen Freiheitsträumen zwar mit leichtem Sarkasmus begegnet, aber trotzdem mit ihrem klassischen Leben ernsthaft zufrieden ist. Auch macht es den Eindruck, dass der Held den Grund für seine Angst und Unzufriedenheit oftmals gar nicht genau festmachen kann, während es der Ehefrau durchaus bewusst ist, dass sie und ihr Lebensstil der Grund sind. Doch obwohl sie das erkennt, versteht sie die Angst ihres Ehemannes nicht. Die Ehefrau hat kein Problem damit, sich als kleiner Teil von vielen in das gesellschaftliche Gefüge einzugliedern und begegnet der Frage nach dem Sinn des Lebens entweder mit Sarkasmus oder mit der Antwort, dass die Familie der einzige Sinn ist und andere Wünsche hintangestellt werden müssen.

Es scheint, dass die Aussicht auf Ehe und Familie den Helden daran hindert, seine Ehefrau auch als Frau und Geliebte zu betrachten. So ist es zum Beispiel im Film „D.O.A.“ so, dass der Held erst dann entdeckt, wie sehr er seine Verlobte liebt, als er erkennt, dass er sie nicht mehr heiraten kann, bevor er stirbt, da er vergiftet worden ist. Die potentiellen Ehemänner laufen vor der Ehe davon, gestehen sich aber nicht ein, dass sie das tun. Erst wenn sie sowohl physisch wie psychisch weit genug von der Ehe entfernt sind, können sie die Ehe wieder idealisieren und als Wunschtraum festmachen. Die Ehe kann also offenbar nur makellos gesehen werden, wenn sie weit von einem entfernt ist.

Auch das Thema Freundschaft unter Männern kommt in diesem Zusammenhang aufs Tapet. Zum Beispiel in dem Film „Dead Reckoning“, in dem der Held am Ende beschließt, die Frau, die er liebt, auf den elektrischen Stuhl zu bringen, weil sie an dem Mord an seinem besten Freund beteiligt ist. Er erklärt ihr, dass er seinen Freund mehr liebte als  sie und es deshalb eine klare Entscheidung sei. Der Held findet nun öfter die Vertrautheit und den Zufluchtsort, den er sucht, in einer innigen Freundschaft mit einem anderen Mann und zieht diese Freundschaft auch jeder anderen zwischenmenschlichen Beziehung vor. So verwendet der Held auch jenen Spitznamen, den sein bester Freund für die Frau hatte. Er benennt sie nur an zwei Stellen der Geschichte mit einem eigenen Kosenamen: als er der Meinung ist, dass sie nichts mit dem Tod des Freundes zu tun hat und als sie stirbt und er ihr seine Liebe zeigt. Hier haben wir wieder ein Beispiel zum vorangegangenen Thema: Dass er erst in der Lage ist, ihr seine Liebe zu zeigen, als nicht mehr die Möglichkeit einer Ehe besteht, da sie stirbt.

Zusammenfassung: Die Entwicklung der Frauenrollen

Wie wir gesehen haben, verändern sich die Frauenrollen im Laufe der Jahre beziehungsweise  verändern ihre Funktionen innerhalb der Geschichten. Am Anfang steht die gute Frau als Alternative zur Femme fatale, konnte diese Rolle jedoch nicht erfüllen, da sie aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit in der Welt des Helden nicht bestehen kann. In der späten Phase des Film Noir löst die Ehefrau die Femme fatale als Feindbild beziehungsweise zerstörerischen Gegenpart ab. Die Femme fatale hingegen, die zu Beginn jene Figur war, die den Helden verführt und immer weiter in den Abgrund zieht, wird nun zur einzigen Alternative zur Ehefrau, da sie jene Freiheit auslebt, die der Held gerne hätte und als potentielle Ehepartnerin ausscheidet. Die Ehefrau ist in ihrer Charakterisierung eine Mischung aus der “guten Frau“ und der „Femme fatale“. Sie befindet sich zwar in der klassischen Frauenrolle, ist aber bei weitem nicht so idealisiert und engelsgleich wie die gute Frau. Auf die Sinnfrage reagiert sie mit Sarkasmus und mit ihrem Unverständnis gegenüber dem Unabhängigkeitswunsch ihres Ehemannes zieht sie ihn ebenso in den Abgrund, wie es die Femme fatale zu Beginn tat.

Header: Rita Hayworth „The Lady from Shanghai“ © http://2.bp.blogspot.com/-EFhSMFvI8MY/Uy-ldXKULdI/AAAAAAAAAKY/qkktt9FiA5U/s1600/LFS_BR_7.png

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