Crossing Europe 2015 – Festivalbericht

Mit etwas Verspätung kommt hier mein Bericht vom diesjährigen Crossing Europe in Linz. Neben dem regen Austausch mit anderen Filmbegeisterten und dem prächtigen Wetter, hatte das Filmfestival vor allem eines zu bieten: wunderbare Filme aus allen Teilen Europas.

Ich war dieses Jahr zum dritten Mal dabei. Dass es sicher nicht das letzte Mal war, liegt in erster Linie an der gemütlichen Atmosphäre, dem interessanten und/oder unterhaltsamen Rahmenprogramm und den vielen lieben Menschen die man hier trifft. Von 25. bis 27.April habe ich mich bewaffnet mit Presseausweis und guter Stimmung ins Getümmel geworfen. Was ich dort gesehen habe, erzähle ich euch hier 😉

© Angela Sirch

© Angela Sirch

Samstag, 25.April

Mein erster Kinobesuch galt dem finnischen Dokumentarfilm Eedenistä Pohjoisseen/Garden Lovers von Virpi Suutari.

Die Regisseurin begleitet in diesem wunderbaren Film mehrere Paare, die ihr Leben und vor allem ihre freie Zeit der Gartenarbeit widmen. Dabei entstehen Oasen der Ruhe, aber auch des Wettstreites, wenn man z.B. versucht den größten Kürbis der Welt zu züchten. Die Arbeit mit den Blumen, Bäumen, Gemüsebeeten und Schwimmteichen ist für manche Entspannung oder dient der Erforschung der Lebewesen, die sich darin tummeln. Andere vergraben sich in ihre Blumentöpfe um nicht an schmerzliche Verluste zu denken, die geschehen sind oder noch bevor stehen. Es gibt Meditatives, Trauriges, Schönes und Amüsantes in diesem Film zu sehen. Wenn man das Kino verlässt, hat man ein Lächeln auf den Lippen, denkt ein wenig über das Leben nach und darüber, vielleicht selbst etwas anzupflanzen. Sehr empfehlenswert!

Nach diesem vielversprechenden Einstieg ging es weiter zu einer Schifffahrt auf der Donau zusammen mit Filmemachern, Festivalorganisatoren und Filmjournalisten. Es gab nicht nur eine schöne Aussicht und interessante Gespräche, sondern auch den alljährlichen Steckerlfisch.

© Angela Sirch

© Angela Sirch

© Angela Sirch

© Angela Sirch

© Angela Sirch

© Angela Sirch

Zum Abschluss dieses ersten Tages ging es noch einmal ins Kino und aus dem kühlen Norden in den den heißen Süden: A Blast des griechischen Regisseurs Syllas Tzoumerkas, der nach der Vorführung noch für ein paar Fragen zur Verfügung stand.

Der Film hat mich mit einem ambivalenten Gefühl zurück gelassen und vor allem ermüdet. Es ist die Tour de Force der Griechin Maria (beeindruckend gespielt von Angeliki Papoulia) die vor den Trümmern ihres Lebens steht. Ihr Mann ist als Seeman ständig auf den Weltmeeren unterwegs, sie ist mit der Fürsorge ihrer drei Kinder überfordert, ihre Mutter hat viel zu lange nicht mehr die Miete für den familieneigenen Laden bezahlt und lässt Maria, ihre Schwester und ihren stets schweigenden Vater auf den Schulden sitzen. Das alles treibt Maria auf den Gipfel eines Berges an angestauter Wut und Verzweifelung, der nur durch eine große Explosion gesprengt werden kann.

Was ich mit dem „ambivalenten Gefühl“ meine das ich nach dem Sehen des Filmes hatte, gründet sich vermutlich daraus, dass mir die Hauptfigur den letzten Nerv geraubt hat. Es wird nicht geredet, sondern die meiste Zeit geschrien und dazu sehr oft geschlagen. Das mag als eines der vielen Ventile für Wut und Ernüchterung durchgehen, doch Maria hat ihr ganzes Leben lang impulsive Entscheidungen getroffen, agiert oft egoistisch und mitunter auch verletzend und beschwert sich nun über das Resultat. Nach wenigen Tagen des Datens beschließt sie sich ihren späteren Mann zu heiraten. Kurz nachdem sie Sex haben, entscheiden sie, dass sie Kinder haben wollen. Maria lässt sich von ihrem Mann bestätigen, dass er sie liebt und das er das auch noch tun wird, wenn sie ihn nicht mehr liebt und unabhängig davon was sie in Zukunft tun wird (eine ziemlich starke Forderung). Sie erklärt ihm, dass sie gerne viel Geld haben möchte, was er durch seine Arbeit auf See, bei der er 6 Monate am Schiff und dann kurze Zeit bei seiner Familie ist, verdienen möchte. Sie ist einverstanden, um nicht zu sagen begeistert. Sie hat sich also für die meisten Dinge entschieden, die ihr jetzt zu schaffen machen, verhält sich aber meist so, als hätte es das Leben einfach schlecht mit ihr gemeint. Auf die Frage, warum es im Film sehr viele Sexszenen gibt, antwortete Tzoumerkas, dass Sex einfach das Mittel war, um die intime und intensive Beziehung zwischen Maria und ihrem Mann zu zeigen. Allerdings verstärkt dieses Stilmittel in meinen Augen das Bild, dass die beiden Figuren außer Sex relativ wenig gemeinsam haben (was natürlich beabsichtigt sein könnte). Der Film ist sehenswert und fordernd, doch man sollte sich darauf einstellen, dass man trotz der vielen Gewalt zwischendurch Lust bekommt, der Hauptfigur eine Ohrfeige zu geben.

Sonntag, 26.April

Am Sonntag standen eine interessante Diskussionsrunde und ein Dokumentarfilm auf dem Plan (und Kaffee und Kuchen mit lieben Freundinnen 🙂 ).

© Angela Sirch

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Los ging es mit einem Talk zum Thema „Gender Equality & Film Business: a never-ending story?“, der von Wilbirg Brainin-Donnenberg, in Kooperation mit FC Gloria moderiert wurde. Talkgäste waren die Regisseurinnen Joanna Coates (GB), Iris Elezi (AL), Hanne Lassl (AT) und Maite García Ribot (ES), die Produzentin Ulla Lehmann (DE) und die stellvertretende Direktorin des Österreichischen Filminstituts und Repräsentantin von EWA (European Women´s Audiovisual Network) und EURIMAGES Iris Zappe-Heller.

© Angela Sirch

© Angela Sirch

Letztere startete die Diskussion mit ein paar Fakten zur Filmbranche. So erzählte sie davon, dass Schweden eine 50:50-Quote einführen möchte, wenn es um die finanzielle Förderung der Bereiche Regie, Drehbuch und Produktion geht. Es sollen also Männer und Frauen in gleicher Weise unterstützt werden. Sie präsentierte auch den immer noch ernüchternden Frauenanteil in diversen Bereichen des Europäischen Films: nur 25% der Drehbuchautoren, 29% der Spielfilm-Regisseure und unter 10% der Produzenten sind Frauen. Auch wenn es in den letzten drei Jahren leichte Steigerungen gab, gibt es immer noch viel zu tun. Nach dem Bechdel-Test der momentan zur Erfassung herangezogen wird, haben 80% der Filme immer noch hauptsächlich „männliche Themen“. Der Bechdel-Text stellt 3 Fragen an den Film: Gibt es mehr als 2 Frauen die Namen tragen? Reden diese Frauen mindestens 1 Drehbuchseite lang miteinander? Und reden sie über etwas anderes als über Männer? Von Zuhörerinnen wurde in der anschließenden Diskussion kritisiert, dass man bessere Tests an Filme anlegen könnte, z.B. wie viele Minuten im Film den Frauen gehören. Doch bis zu einem gewissen Grad kann jeder dieser Tests nur oberflächlich bleiben. Denn selbst wenn Frauen sehr viel Filmzeit erhalten, sagt das noch wenig darüber aus wie sie gezeigt werden oder ob es in dem Film um „weibliche Themen“ geht.

Im weiteren Verlauf erzählten die Filmemacherinnen von den Schwierigkeiten, mit denen sie als Frauen in einer noch immer sehr männerdominierten Branche konfrontiert waren und sind. Es ging auch stark darum, sich untereinander mehr zu vernetzen, sich weniger als Konkurrenz, sondern als Partnerinnen zu sehen. Ein Punkt, der sowohl von den Talkgästen als auch von Damen aus dem Publikum angesprochen wurde war, dass Frauen noch immer zu oft an sich selbst und ihren Ideen zweifeln, weshalb viele Filme nicht über das Stadium des Drehbuch-Treatments hinauskommen. Man solle als Frau mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben und in manchen Bereichen, wie bei der Budgetverhandlung weniger diplomatisch sein. Weiters sei es wichtig nicht nur in der Filmbranche, also bei den FilmemacherInnen auf eine Frauenquote zu setzen, sondern auch bei den Menschen, die in den Auswahlgremien für Festivals, Fördergelder, usw. sitzen. Denn was nützt es, wenn Frauen über Themen schreiben die sie beschäftigen, wenn in den Jurys niemand sitzt, der die Thematik versteht bzw. sich damit identifizieren kann. Es war eine lebhafte und sehr informative Diskussion, die hoffentlich bald nicht mehr geführt werden muss.

Abschluss des zweiten Tages war die Dokumentation Flotel Europa von Vladimir Tomic, der für seinen Film den CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary gewann.

Tomic erzählt seine eigene Geschichte der Flucht vor dem Jugoslawien-Krieg. Seine Mutter, sein großer Bruder und er kamen auf dem Flotel Europa unter, einem zum Wohnheim umgebauten Schiff, während sie auf Asyl in Dänemark hofften. Die Dokumentation zeigt die Lebensbedingungen unter denen man kaum Privatsphäre hatte, in ständiger Sorge um die zurück gelassenen Verwandten (wie Tomic´ Vater) lebte und (wie der Regisseur selbst) unter Umständen mitten in der Pubertät steckte und die Beschaffenheit von Liebe und Selbstständigkeit erforschte. Der Film ist wie das Leben selbst, eine Tragikomödie. Man sieht Männer und Frauen die Stunden und Tage im Fernsehzimmer verbringen, in der Hoffnung etwas von ihren Verwandten zu sehen oder zu hören. Man hört von jungen Kerlen, die gemeinschaftlich masturbieren und sich kuriose Gang-Namen geben. Männer sterben an einer Überdosis von Drogen, die sie sich gespritzt hatten, um die Trostlosigkeit zu vergessen oder schließen sich zu kleinen Bands zusammen um die nutzlose Zeit mit geliebter Musik schöner zu machen. Der Film zeichnet ein vielfältiges Bild darüber, wie unterschiedlich Menschen mit so einer Ausnahmesituation umgehen und erweitert unseren Blick auf die damaligen Ereignisse (und auch heutige Kriege und ihre Folgen) um eine sehenswerte Facette.

Montag, 27.April 

Das diesjährige Crossing Europe endete für mich mit einem weiteren Dokumentarfilm: Cartas a María/Letters to María von Maite García Ribot.

Die Regisseurin, die auch an der bereits erwähnten Diskussion teilnahm, begibt sich in diesem Film auf eine sehr persönliche Reise in die Vergangenheit. In einer Kiste findet sie Briefe die ihr Großvater Pedro aus dem Exil an ihre Großmutter María geschrieben hat. Anhand seiner Berichte versucht sie seine Flucht, die 1939 begann zu rekonstruieren. Pedro war Republikaner und floh aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Spanien, wo er seine Frau und seine zwei Söhne zurück ließ. Er kam in ein Lager nach Frankreich, später ging es weiter auf die Kanalinseln und wieder zurück nach Bordeaux. Mit den 46 Zeitdokumenten, die das Andenken an diese dunkle Zeit und ihren Großvater am Leben erhalten, zeichnet Ribot, begleitet von der fortschreitenden Alzheimererkrankung ihres Vaters eine berührende Collage. Ein empfehlenswerter Blick in die Vergangenheit.

Das Crossing Europe hat meine Erwartungen einmal mehr erfüllt! Ich freue mich sehr für die Preisträger und auf das nächste Jahr, wenn Europa wieder Gast im schönen Linz ist.

Header: Plakat Crossing Europe 2015 © http://www.crossingeurope.at/uploads/tx_artikel/resized/10987d5b4a0ed50240c6e3152c362961_large.jpg

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