Sacro GRA – Das andere Rom

Wenn man an Rom denkt, denkt man an das Kolosseum und den Petersdom, doch mit ziemlicher Sicherheit nicht an die Grande Raccordo Anulare, kurz GRA. Jene stark frequentierte Außenringautobahn, die das pulsierende Rom umgibt. Denkt man hingegen an Gianfranco Rosi, Autor und Regisseur des Films, denkt man genau an das, was dieser Film zu Tage fördert: Überraschendes. Bereits Rosis Abschlussfilm für die New Yorker Tisch School of Arts Boatman  wurde auf internationalen Festivals in Toronto oder Locarno gezeigt und 2010 realisierte er mit El Sicario, Room 164 das zugleich schockierende als auch faszinierende Porträt eines Auftragskillers. Mit Sacro GRA widmet er sich seiner Heimat Italien, fernab von „La Dolce Vita“. Zwei Jahre lang sammelte Rosi Material und filmte oft alleine um die Intimität der Szenerien zu bewahren. In ruhigen, kommentarlosen Bildern, begleitet allein von einer authentischen Geräuschkulisse und dem allgegenwärtigen Lärm der vorbei donnernden Autos, zeigt Sacro GRA acht unterschiedliche Leben und Geschichten am Rande der Autobahn. Wir hören dem verarmten Adeligen Paolo, der mit seiner Tochter in einem Plattenbau lebt zu, wie er auf amüsante Weise über die Welt philosophiert. Sehen Principe Filippo beim Leben in einem stilbefreiten Palazzo, einen trotz aller Widrigkeiten positiv eingestellten Rettungssanitäter bei seiner Arbeit und in seinem Privatleben und in die Jahre gekommene Prostituierte die am Rande der Straße und der Gesellschaft meist vergeblich auf Kundschaft und bessere Zeiten warten. Ein Aalfischer und seine Frau sorgen sich um die Zukunft und ein Botaniker erklärt anhand einer von Käfern befallenen Palme die Beschaffenheit des Menschen. Auch wenn der Film keine außergewöhnliche neue Sprache findet, so erschafft er dennoch eine ungewöhnliche Atmosphäre, da er das Unspektakuläre beobachtet und es spannend macht. Der gekonnte Schnitt von Jacopo Quadri gibt dem Film nicht nur einen wunderbaren Rhythmus, sondern verbindet die Geschichten metaphorisch miteinander. Die choreographierte Hektik der Käfer spiegelt sich im Straßenverkehr wider. Die Reanimation eines Patienten im Rettungswagen korreliert mit einer zerstörten und zerfressenen Palme. Gianfranco Rosi zeigt uns, dass man Poesie in Bild und Sprache oft dort findet, wo man es am wenigsten erwartet, wofür er zurecht als erster Regisseur in der Geschichte der Internationalen Filmfestspiele von Venedig für einen Dokumentarfilm mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Diese Rezension ist auch in der Mai-Ausgabe des ray Filmmagazin erschienen.

CREDITS

Originaltitel Sacro GRA

Land Italien/Frankreich

Filmlänge 95 Minuten    

Jahr 2013    

Kinostart AUT 14. Mai 2015    

Genre Dokumentation     

Regie Gianfranco Rosi

Drehbuch Gianfranco Rosi, Niccolò Bassetti    

Musik Johannes Brahms, Lucio Dalla

Kamera Gianfranco Rosi

Ton Giuseppe D´Amato, Stefano Grosso, Riccardo Spagnol

Schnitt Jacopo Quadri

Produktion Doclab S.r.l., La Femme Endormie, Rai Cinema, Regione Lazio, u.a.

Verleih AUT Filmladen

DarstellerInnen Roberto Giuliani, Francesco de Santis, Paolo Regis, Amelia Regis, Filippo Pellegrini, Cesare Bergamini, Gaetano Finocchi, Patrizia Torselli, u.a.     

Drehorte Rom, Italien

Header: Filmstill „Sacro GRA“ © http://d1oi7t5trwfj5d.cloudfront.net/06/ac/1dcd2a9c4c998991f0de5a36cc05/sacro-gra.jpg

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