Chucks

Trotzig, stur, aufbegehrend, unruhig. Das ist Mae. Eigentlich Maeva, aber das sagt niemand. Doch wie jeder Mensch, vor allem wenn er sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden befindet, ist Mae viel mehr als das was sie nach außen trägt. Sie ist verletzlich und auf der Suche. Auf der Suche nach Heilung für alte Wunden, nach Liebe, nach Worten um ihre Sicht auf das Leben auszudrücken. Es wundert nicht, dass sie einen riesigen Schmetterling an eine Wohnungswand sprayt. Ganz im Gegenteil. Er wirkt wie ein Spiegelbild ihres Wesens. Stark und zerbrechlich zugleich. Im einen Moment leuchtet er, im anderen versinkt er im Dunkeln. Mae lebt kein normales Leben. Sie hat die Schule abgebrochen, hat keine Habseligkeiten nur die zerfledderten Chucks ihres verstorbenen Bruders, schnorrt Passanten um Geld an, lebt mit ihrem Freund Jakob in einer besetzten Wohnung, klaut Spraydosen aus dem Baumarkt und verwendet diese nachts um abgestellte Züge oder Hausfassaden zu verschönern. Bei einer dieser Aktionen wird sie geschnappt und da die Liste der Verfehlungen nun zu lang ist, muss sie gemeinnützige Arbeit in einer Einrichtung für Menschen tun, die auf andere Weise ebenso weit weg von einem normalen Leben sind wie sie: im Aids-Hilfe Haus. Mae ist genervt, unfreundlich und teilt die Leute in Kategorien ein, bis sie Paul kennen lernt, der an Aids und Hepatitis C leidet. Er lässt sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Mit seiner weisen und geordneten Art ist er wie ein Gegengewicht zu Maes unruhigem Wesen. Zwischen den beiden entwickelt sich Liebe und Mae geht mit ihm jenen schwierigen Weg, den sie bei ihrem Bruder, den sie vor vielen Jahren an den Krebs verloren hat nicht gehen konnte. Zumindest nicht so, wie sie es gerne gewollt hätte. Beschönigende Geschichten, sich entzweiende Eltern und beklemmendes Schweigen haben ein Loch in Mae und die Beziehung zu ihrer Mutter gerissen, das erst Paul mit seiner Ruhe und den richtigen Fragen wieder zu füllen scheint.

In Chucks, der Verfilmung des erfolgreichen, gleichnamigen Romans von Cornelia Travnicek, wagt sich das Regie-, Drehbuch- und Produzenten-Duo Gerhard Ertl und Sabine Hiebler, an die Untersuchung einer der schwierigsten und aufwühlendsten Phasen unseres Lebens. Bereits in ihrem sowohl national als auch international vielfach ausgezeichneten letzten Film Anfang 80 haben sie ihr Können in Bezug auf Figuren- und Konfliktzeichnung bewiesen, was sie bei Chucks auf mitreißende und bewegende Weise wiederholen. Literaturverfilmungen stellen immer eine besondere Herausforderung dar, besonders bei Romanen die so beliebt sind wie Travniceks. Es ist die Kunst, aus dem geschriebenen Wort, das stets mehr Platz, Zeit und umfangreichere Möglichkeiten hat, innere Vorgänge zu beschreiben als das bewegte Bild, eine komprimierte Geschichte zu entwickeln, die das Buch widerspiegelt und doch eine neue Sprache findet. Dieser Drahtseilakt ist Ertl und Hiebler gelungen. Der Roman schöpft seine Faszination unter anderem auch daraus, dass er ständig zwischen Zeit und Raum hin und her springt und der Leser manchmal nicht mehr weiß, wo er sich gerade befindet. Da diese Erzählweise im Film nicht denselben Effekt hätte, wird die Geschichte in einer durchgehenden Zeitebene erzählt. Zudem wurden einzelne Nebenfiguren, Eigenschaften mehrerer Figuren in einer komprimiert und Maes Freundeskreis verbringt seine Zeit nicht wie im Buch mit Drogen am Karlsplatz, sondern mit Spraydosen in besetzten Häusern. Interessant ist, dass vor allem bei der Hauptfigur die charakterlichen Kanten an manchen Stellen geglättet und an anderen zugespitzt wurden. So wird Mae anders als im Buch wegen Sachbeschädigung zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt und nicht wegen Körperverletzung und die härtesten Drogen im Film sind Alkohol und Gras. Auf der anderen Seite wirkt Travniceks Mae etwas mehr hin- und hergerissen zwischen der bockigen Schutzwand die sie durch ihre Verhalten um sich herum gebaut hat und dem verletzlichen, zurückhaltenden Inneren, das in ihr schlummert und darauf wartet, von einem liebevollen Menschen überzeugt zu werden. Im Film blitzt dieses zweite Gesicht vor allem zu Beginn des Films wesentlich zaghafter auf. Doch auch wenn es einige Veränderungen im Vergleich zur Vorlage gibt, schafft es der Film die Essenz der Hauptfigur einzufangen, was nicht nur dem guten Drehbuch, sondern zu einem großen Teil auch dem intensiven Spiel von Anna Posch zu verdanken ist, deren Können man in den kommenden Jahren hoffentlich in zahlreichen Produktionen bewundern darf.

Doch noch zwei weitere Faktoren sorgen für den Feinschliff, der die Atmosphäre des Films so eindringlich macht, dass man gar nicht anders kann als von ihr gefangen genommen zu werden: Kameraführung und Musik. Ertl und Hiebler, die ursprünglich vom Genre des Found-Footage-Films kommen, setzen erneut auf die Zusammenarbeit mit Kameramann Wolfgang Thaler, der wie schon bei Anfang 80 mit einer Handkamera arbeitet, so stets nahe an den Darstellern dran ist und dadurch ein noch persönlicheres, durchdringendes Bild erschafft. In puncto Musik hat man sich gegen eigens produzierte Kompositionen entschieden und präsentiert stattdessen ein eindrucksvolles Zurschaustellen der heimischen Musikszene. Von Soap&Skin, über Clara Luzia und Monsterheart, bis hin zu Bilderbuch und Julian & der Fux spannt sich der musikalische Bogen, der nicht nur zu der Jugend-Szene und den Lokalen passt, in denen Mae lebt, liebt und tanzt, sondern in seinem Wechselspiel aus Freude, Rhythmus und Melancholie die Geschichte perfekt widerspiegelt.

Chucks schafft es die wesentlichen Erfahrungen und Gefühle der Jugendzeit wie Liebe, Verlust, Rebellion, Sinnsuche, Verwirrung und Wut in eine berührende und außergewöhnliche Geschichte zu packen. Der Film zeigt wie unterschiedlich der Mensch mit dem Tod umgeht. Der eine schweigt um zu verdrängen, den anderen zerreißt es beinahe vor unausgesprochener Trauer. Der Film zeigt aber auch, dass Familie nicht unbedingt nur aus einer Blutsverwandtschaft entsteht, sondern auch eine Gemeinschaft sein kann, für die man sich selbst entscheidet, Verantwortung übernimmt und an der man wächst. Je länger man Mae auf ihrem Weg beobachtet, desto mehr zeigt sich, dass man zuerst lernen muss zu reflektieren und die eigenen Worte zu finden, bevor man nachvollziehen kann, warum die Menschen um einen herum oft ganz anders mit dem Leben und den Prüfungen, vor die es einen stellt umgehen. Das scheint die größte und unangenehmste Herausforderung des Erwachsenwerdens zu sein, aber auch die die einen zu sich selbst führt.

Diese Rezension ist auch in der September-Ausgabe des ray Filmmagazin erschienen.

CREDITS

Originaltitel Chucks

Land Österreich

Filmlänge 93 Min

Jahr 2015    

Kinostart AUT 25. September 2015

Genre Drama/Coming of Age

Regie Sabine Hiebler, Gerhard Ertl

Drehbuch Sabine Hiebler, Gerhard Ertl, nach dem gleichnamigen Roman von Cornelia Travnicek

Musik Soap&Skin, Clara Luzia. Propelly, u.v.m.

Kamera Wolfgang Thaler

Ton Hjalti Bager-Jonathansson

Schnitt Roland Stöttinger

Produktion Dor Film

Verleih AUT  Stadtkino Filmverleih

DarstellerInnen  Anna Posch, Markus Subramaniam, Thomas Schubvert, Stefanie Reinsperger, Susi Stach, u.a.

Drehorte Wien und Burgenland, Österreich

Header: Filmstill Chucks © http://stadtkinowien.at/media/uploads/filme/861/chucks_wolfgang_thaler_1609.jpg

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