KINOJUWELEN: Electric Cinema (GB)

Das Electric Cinema in der Portobello Road im Londoner Stadtteil Notting Hill, öffnete am 27. Februar 1911 seine Pforten. Das Kino wurde aus Ziegelsteinen errichtet, die mit Terracotta verkleidet und von einem Turm aus galvanisiertem Zink überblickt wurden. Das Innere erinnerte an eine barocke italienischen Kirche. Es gab hohe Decken, Säulen und ein Bühnenportal, das mit einer Weltkarte bemalt war. Das Auditorium bot 564 Personen Platz. Während der Stummfilmzeit lief das Kino sehr gut bis auf eine kurze Zeit, in der der damalige Manager des Kinos, ein Mann mit deutschen Wurzeln, beschuldigt wurde, von seinem Kino aus Lichtsignale an deutsche Zeppeline zu senden. Er wurde für einige Zeit eingesperrt und die Tür des Kinos wurde zugepflastert. Heute vermutet man, dass dieses hinterlistige Gerücht von einem Kino-Konkurrenten in die Welt gesetzt wurde.

1919 wurde das Kino in Imperial Playhouse umbenannt und machte mit einem abwechslungsreichen, frischen Programm von sich reden. In den 20er und 30er Jahren gewann das Filmtheater in London immer mehr an Bedeutung und im Jahr 1946 besuchten schließlich jede Woche rund 4000 Menschen das elegante Kino.  Trotzdem war das Imperial Playhouse immer noch keine „First Run Cinema“, das heißt, es zeigte ausgeliehene Filme, Newsreels und Filme, die in anderen Kinos nicht mehr gezeigt wurden. Weil man das Programm oft umgestalten wollte, litt die Qualität. Zudem gab es von staatlicher Seite eine Quote an britischen Filmen zu erfüllen, was zu einem rasanten Produktionsanstieg an heimischen Filmen führte, die jedoch auch nicht unbedingt qualitativ hochwertig waren. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Kinos dazu aufgefordert zu schließen, um die Menschen während der Angriffe des Blitzkrieges nicht zusätzlich zu gefährden. Doch das Imperial hielt stand. Gab es während einer Vorstellung einen Angriff, wurde der Film unterbrochen, eine Warnung eingeblendet und die Zuschauer verließen das Kino um einen nahe gelegenen Schutzraum aufzusuchen. Auf dem Weg nach draußen erhielten sie zudem ihr Geld für die Kinokarte zurück. Durch seine unnachgiebige, aber stets organisierte Art, konnte das Kino auch in diesen schwierigen Zeiten weiter bestehen. Auch in der Nachkriegszeit folgte man keinen Trends, sondern blieb dem eigenen Konzept mit anhaltendem Erfolg treu. Kurz nach dem Kriegsende kam es zu einem Brand. Das Imperial war drei Monate geschlossen, doch nach der Wiedereröffnung ging es mit den Verkäufen ebenso weiter wie bisher. Sowohl die Zivilbevölkerung als auch die heimkehrenden Soldaten waren hungrig nach Ablenkung und Unterhaltung und das Imperial bot all das zu niedrigen Preisen. Zudem gibt es zahlreiche positive Erwähnungen des plüschig, gemütlichen Interieurs und des schick gekleideten Portiers.

In den 1950er und 60er Jahren durchlebte Notting Hill turbulente Zeiten. Durch starken Zuzug kam es immer wieder zu rassistischen Ausschreitungen und auch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Jugendkulturen, ließ die Straßen oftmals zum Schlachtfeld werden. Drogendealer gingen ganz öffentlich ihren Geschäften nach und der Stadtteil hatte einen immer schlechteren Ruf. Ende der 60er besserten sich die Zeiten und Noting Hill wurde immer mehr zum Hippie-Viertel. Das bereits ziemlich herunter gekommene Kino konnte durch Konzerte und andere Events wieder mehr Besucher anlocken. Zu dieser Zeit wurde das Filmtheater auch wieder in Electric Cinema zurück benannt.

In den 70ern nahm man mitternächtliche Matineen am Freitag und Samstag auf den Plan die bald so beliebt waren, dass man mehr als eine Woche vorher reservieren musste. Zudem wurde das Kino um 50 000 Pfund renoviert und war bald als Londons freundlichstes und gemütlichstes Kino bekannt. Man erzeugte das Gefühl, dass der Kinosaal das zweite Wohnzimmer ist, vor allem auch dadurch, dass die Mitarbeiter Stammkunden kannten, sowohl die positiven als auch die negativen, wie ein Mann der jeden Tag ins Kino kam, um sich in die erste Reihe zu setzen und sofort einzuschlafen. Nach einiger Zeit fand man heraus, dass er stocktaub war. Während er friedlich schlummerte, gab es einen anderen Kino-Schläfer, der fluchte und wüste Drohungen aussprach, wenn er geweckt wurde. Neben unangenehmen Gästen hatten die Mitarbeiter auch mit regelmäßigen Überschwemmungen im Erdgeschoss zu kämpfen, da die veralteten Wasserleitungen mit plötzlichen Regengüssen überfordert waren. Das Electric Cinema wurde zum Filmtempel, mit spannenden Double Features wie z.B. „Battle of Algiers“ und im Anschluss „Duck Soup“ mit den Marx Brothers. Man wollte nicht nur ein Haus der Unterhaltung sein, sondern die Menschen filmgeschichtlich bilden.

Die 1980er brachten Veränderungen mit sich. Direktor Peter Howden, der die Leitfigur des Kinos war, wechselte zu einem anderen Filmtheater und das Electric Cinema wurde an Mainline Pictures verkauft. Die Verantwortlichen ließen den Kinosaal grundlegend renovieren, mit einer Klimaanlage und einem Dolby Stereo Soundsystem ausstatten und benannten das Kino in Electric Screen um. Zuerst waren die Besucher angetan von dem neuen Luxus, doch der Wandel vom Repertoire-Kino zu einem regulären First Run-Kino, mit wechselnden aktuellen Filmen ließ die Besucher und vor allem die Stammgäste immer mehr ausbleiben. Mainline wollte das unrentable Kino alsbald los werden und die neuen Eigentümer, hatten Pläne, das Gebäude nicht als Kino zu belassen. Die „Campaign To Save The Electric“ formierte sich, bestehend aus Mitarbeitern, Besuchern, Stammgästen und Berühmtheiten. Central Properties übernahm schließlich das Kino, musste es aber am 06. Mai 1987 schließen.

In den 1990ern wechselte das Theater immer wieder den Besitzer, wurde geöffnet und wieder geschlossen, machte Screenings, zu dem auch mal unerwartet Filmemacher Pedro Almodovar erschien. Doch alle Ideen, die die Besitzer hatten, waren nicht zündend genug, weshalb das Electric 1993 für acht Jahre geschlossen wurde. 2001 brachte der Zufall schließlich die rettende Idee: der Nachbarladen des Kinos wurde geschlossen und man plante, das Kino zu einem luxuriösen Filmtheater mit angeschlossenem Restaurant umzubauen. Das Budget von 2 Millionen Pfund wurde von Anwohnern und dem Unternehmer und Gründer von „Monsoon“, Peter Simon gestellt. Die Soho House Group übernahm das Kino samt neuem Restaurant und führt es bis heute. Durch die High Tech Ausstattung und das gemütliche, elegante Interieur wirkt das Kino wie ein First Class Upgrade eines normalen Kinos. Die klassischen Kinosessel wurden durch 98 Armsessel mit Lederüberzug ersetzt, im hinteren Teil gibt es zweisitzige Ledercouches und ganz vorne Liegesofas. Neben dem Kinosaal befindet sich das Electric Diner und im ersten Stock ein privater Club nur für Mitglieder.

Heute präsentiert dieses wunderschöne Kinojuwel aktuelle Filme, Wiederholungen sowie Kultfilme und Klassiker.

Hier könnt ihr filmische Rundgänge durch das Kino und das Diner machen:

Electric Cinema Homepage 

Electric Cinema Facebook 

Header: Das Auditorium des Electric © Cinema https://az413805.vo.msecnd.net/spaces/oc-rxl/11298/0riyfkf3sx1.jpg

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