KINOJUWELEN: Lichtburg Essen (DE)

1924 beschloss die Stadt Essen eine Umstrukturierung der Stadt, im Zuge derer auch der Burgplatz neu gestaltet werden sollte. Ein Lichtspielhaus im Stil der Neuen Sachlichkeit sollte das Kernstück des Platzes werden. Die Burgplatz-Bau AG, ein Zusammenschluss aus Stadtverwaltung und privaten Investoren, entwarf das Filmtheater gemeinsam mit dem Architektenduo Richard Heydkamp und Curt Bucerius. Geplant war das damals größte Theatergebäude mit einer Kuppel von 20 Metern Durchmesser.

Das Kino mit dem Namen Lichtburg wurde schließlich am 18. Oktober 1928 eröffnet. Das Auditorium verfügte über 2000 Polsterklappsitze, ausgestattet mit einer elektrischen Platzmeldeanlage, die meldete, sobald ein Platz besetzt war. Eine weitere Einzigartigkeit des Kinos war die größte Wurlitzer-Kinoorgel, die es bis zu diesem Zeitpunkt in europäischen Kinos gab, die sogar Verkehrslärm und Donner imitieren konnte. Die Lichtburg hatte zudem ein eigenes 30-köpfiges Orchester, das Stummfilme musikalisch begleitete und am Eröffnungsabend Orpheus aus der Unterwelt spielte. Danach stand ein Auftritt der Ballettgruppe aus dem Pariser Varieté Folies Bergère auf dem Plan, bis der Hauptfilm Marquis d´Eon, der Spion der Pompadour gezeigt wurde.

Bereits im Jahr nach der Eröffnung hielt der Tonfilm Einzug in die Lichtburg, ebenso wie finanzielle Probleme. 1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise hatten die Menschen immer weniger Geld für Freizeitvergnügen, was die Kinos, Theater und andere Unterhaltungstempel deutlich zu spüren bekamen.

Die Stadt Essen war in den Zeiten des Nationalsozialismus für die Nazis bedeutungsvoll, war sie doch Heimat der Krupp-Werke, die von Adolf Hitler regelmäßig besucht wurden und somit ein wichtiger Industrie- und Rüstungsstandort. Die Lichtburg wurde von den Nazis für ihre Zwecke genutzt, indem man den Besuchern die deutsche Wochenschau und propagandistische Filme präsentierte und war somit ein frühes Beispiel für Arisierung. 1933 wurde der jüdische Betreiber Karl Wolffsohn, der als Verleger und Unternehmer arbeitete und ein Mitbegründer der deutschen Filmpublizistik war vom Essener NSDAP-Gauleiter Josef Terboven massiv unter Druck gesetzt, sein Kino für ein Zehntel des eigentlichen Wertes an die Universum Film AG zu verkaufen. Nachdem er zwangsweise verkauft hatte, flüchtete er 1939 mit seiner Familie nach Palästina. Nach dem Krieg kehrte er 1949 nach Essen zurück und kämpfte für eine Entschädigung für seinen Verlust. Allerdings erlebte er das Ende des Gerichtsprozesses leider nicht mehr. Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel an der Fassade der Lichtburg an die Geschichte des Kinos und der Wolffsohns.

Aufgrund ihrer Wichtigkeit als Rüstungszentrum wurde die Stadt Essen im Zweiten Weltkrieg zu einem der Hauptangriffsziele der Alliierten. Bei einem Angriff im Jahr 1943 wurde die Lichtburg beinahe zerstört. Der Kinosaal brannte völlig aus, die Fassade blieb jedoch erhalten. In der ersten Phase des Wiederaufbaus der Stadt, stand das Schicksal der Lichtburg nicht im Mittelpunkt. Zwei Jahre nach Kriegsende suchte man einen neuen Besitzer für das Kino. Schließlich wurden Heinrich Jaeck und Erich Menz, die bereits vor dem Krieg einige Kinos besessen hatten mit der Leitung der Lichtburg betraut. In den Jahren 1948 bis 1950 wurde das Kino neu im Stil der 50er Jahre aufgebaut, mit einem Kinosaal, der 1700 Personen Platz bot. Am 23. März 1950 wurde das Kino mit einer Rede des Oberbürgermeisters Hans Toussaint und dem Film Wiener Mädeln, unter Anwesenheit des Hauptdarstellers Willi Forst wiedereröffnet.

Im Laufe der 1950er und 1960er Jahre avancierte die Lichtburg zu einem der wichtigsten Premierenkinos Deutschlands und profitierte dabei von den guten Kontakten des Betreibers Erich Menz zu Filmproduzenten und –verleihen. Stars wie Romy Schneider, Zarah Leander, Heinz Rühmann, Curd Jürgens, Hans Albers, Buster Keaton oder Gary Cooper gaben dem Kino ihre Ehre. 1963 übernahm Ilse Menz die Leitung des Kinos und versuchte eine Strategie gegen das aufkommende Kinosterben und die Konkurrenz durch das immer stärker werdende Fernsehen zu entwickeln. Doch in den 70ern kamen auch noch die schlechte wirtschaftliche Lage des industriell geprägten Ruhrgebiets und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit hinzu. Der Kampf des Unterhaltungstempels wurde immer schwieriger. In Essen schlossen innerhalb von 15 Jahren zwei Drittel der bestehenden Kinos. Die Lichtburg konnte durch seine große Bühne die für Theaterstücke und Shows genutzt werden konnte, die großen Krisen überstehen.

In den 90er Jahren kamen die Multiplex-Kinos auf und sorgten für neuerliche Einbußen bei den alten Filmtheatern. Im Umkreis des 1991 eröffneten Cinemaxx Essen mussten sämtliche Groß-Kinos bis auf die Lichtburg kurze Zeit nach Eröffnung des modernen Kinos schließen. Doch mit der Zeit war auch die Lichtburg immer wieder von der Schließung bedroht. Politik und Verwaltung der Stadt überlegten das sanierungsbedürftige Filmtheater in eine Showbühne oder ein Einkaufszentrum umzubauen. 1998 übernahm Marianne Menze, Geschäftsführerin der Essener Filmkunsttheater GmbH das Kino und erzielte im Jahr 2000, unterstützt durch prominente Fürsprecher wie Regisseur Wim Wenders, eine Einigung mit der Stadt, das Kino als solches zu erhalten. Im Zuge eines einjährigen, 7 Millionen Euro teuren Umbauprojekts wurde die Lichtburg denkmalgerecht im Stil der 1950er Jahre komplett saniert. Diese Renovierung umfasste den Kinosaal, das Foyer, die Filmbar, Büros und Gastronomiebetriebe, sowie einen neuen Anbau, der nun Heimat der städtischen Volkshochschule ist und dem Blauen Salon, der aus dem früheren Atelier-Theater entstanden ist. Am 16. März 2003 wurde das Kino mit der Deutschlandpremiere von Das Wunder von Bern eröffnet.

Heute verfügt die Lichtburg über modernste Technik. Hinter der 150 m² großen, aufrollbaren Leinwand befindet sich eine Bühne, die für Aufführungen genutzt werden kann. Der Kinosaal bietet nun 1250 Zuschauern Platz, durch einen zweiten kleinen Kinosaal kommen 150 weitere Sitzplätze hinzu und die Lichtburg wird auch heute noch ihrer Geschichte als Premierenkino gerecht.

Lichtburg Essen Homepage 

Lichtburg Essen Facebook 

Header: Großes Auditorium der Lichtburg © https://www.uni-due.de/imperia/md/images/mercatorprofessur/104.jpg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s