Was wir nicht sehen

Noch vor hundert Jahren galten Menschen, die ein Automobil besaßen, als lärmende Neureiche und ein Brief benötigte von Europa in die USA fünf Wochen. Heute sind wir überall mobil und vernetzt, können uns mit unserem Laptop beinahe überall in WLAN Netzwerke einklinken und in Sekunden über das Mobiltelefon Kontakt mit jemandem am anderen Ende der Welt aufnehmen. Auf den ersten Blick scheint diese Modernisierung nur Vorteile zu bringen. Allerdings befinden wir uns heute in einer ständigen Wolke aus Strahlung, die an den meisten von uns spurlos vorüber geht, doch bei einigen Menschen lösen die Wellen, zwischen denen wir unser Leben bestreiten körperliche Beschwerden aus. Sie müssen sich so gut es geht abschotten und ein Besuch im Supermarkt verursacht Kopfschmerzen, Schwindel und Konzentrationsschwierigkeiten.

Anna Katharina Wohlgenannt begleitet in ihrem stilistisch schön gestalteten Dokumentarfilm vier Menschen, die an Elektromagnetischer Hypersensitivität leiden und deren Leben in der modernen Welt dadurch immer schwieriger und einsamer wird. Diese Krankheit ist ein spannendes Thema und lässt uns unsere Immer-höher-immer-weiter-Mentalität was Technik und Wachstum betrifft in Frage stellen. Was dem Film jedoch fehlt, ist die Gegenüberstellung von Meinungen. Diese Form der Hypersensitivität ist von der Wissenschaft mittlerweile als Krankheit anerkannt. So hat z.B. die österreichische Ärztekammer 2012 eine Leitlinie zur Diagnose und Therapie des Syndroms ausgegeben. In Wohlgenannts Film kommen jedoch nur Erkrankte zu Wort, weder Ärzte, noch Wissenschaftler. Wäre der Film ein reines Porträt der Krankheit, wäre die einseitige Betrachtung zu erklären, doch es kommt auch eine Tonkünstlerin zu Wort, die bei Führungen durch öffentliche Räume mit Kopfhörern den Menschen ermöglicht, die elektromagnetische Strahlung zu hören und wir sehen einen Spot, in dem die ganzheitliche Vernetzung und die Aussicht, dass unser Kühlschrank irgendwann wissen wird, was eingekauft werden muss und selbst auf elektronischem Weg den Einkauf erledigt, als Fortschritt angepriesen und der Krankheit der Betroffenen gegenüber gestellt werden. Es kommen also auch andere zu Wort, aber in so reduzierter Form, dass man daraus keinen inneren Diskurs gewinnen könnte. Der wenig facettenreiche Blick auf das Thema lässt vielleicht manchen Zuschauer an der Beweisbarkeit der Krankheit zweifeln und dies würde den Betroffenen wohl nicht wirklich helfen.

Diese Rezension ist auch in der Februar-Ausgabe des ray Filmmagazin erschienen.

CREDITS

Originaltitel Was wir nicht sehen / What We Don´t See

Land Österreich

Filmlänge 75 Min

Jahr 2014    

Kinostart AUT 12. Februar 2016

Genre Dokumentation

Regie Anna Katharina Wohlgenannt

Drehbuch –

Musik –

Kamera Judith Benedikt

Schnitt Joana Scrinzi

Kostüm

Make Up

Szenenbild

Ton Andreas Hamza, Peter Kutin, Richard Fleming, u.a.

Produktion Plan C Filmproduktion

Verleih AUT Plan C Filmproduktion

Mitwirkende Christina Kubisch u.a.

Drehorte

Header: Filmstill „Was wir nicht sehen“ © http://www.plancfilm.com/uploads/what_we_dont_see/press/WWNS_PR-Still-2.jpg

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