CROSSING EUROPE 2016 – Festivalbericht

Auch dieses Jahr habe ich mich wieder auf den Weg nach Linz gemacht zur 12ten Ausgabe des Crossing Europe Filmfestivals. Das Festival gehört neben der Viennale und der Diagonale zu den drei wichtigsten Filmfestivals Österreichs und setzt seinen Schwerpunkt auf innovatives, zeitgenössisches Kino aus Europa. Die präsentierten Filme werden in mehrere Sektionen aufgeteilt.

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Rüstzeug für Presseleute © Angela Sirch

Im Bereich Competition Fiction laufen neun bis elf Langspielfilme europäischer RegisseurInnen, die Ihren Debüt- oder Zweitfilm als Österreichpremiere präsentieren. Am Ende des Festivals werden unter den TeilnehmerInnen dieser Kategorie zwei Festivalpreise vergeben: der „CROSSING EUROPE Award – Best Fiction Film“ (dotiert mit 10.000 Euro) und der „CROSSING EUROPE Audience Award – Best Fiction Film“ (dotiert mit 1.000 Euro).

In der Kategorie Competition Documentary gibt es für die Zuschauer neun bis zehn europäische Langdokumentarfilme zu sehen, die sich durch ihre unkonventionelle Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen auszeichnen. Hier wird der „CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary“ vergeben (dotiert mit 5.000 Euro, zur Verfügung gestellt von gfk Gesellschaft für Kulturpolitik in Österreich).

In der Sektion European Panorama Fiction und European Panorama Documentary werden Highlights der vergangenen Festivalsaison als österreichische Erstaufführungen gezeigt.

Bei Arbeitswelten – Bildung, Ausbildung und Beruf(ung) werden in Kooperation mit der Kulturabteilung der Arbeiterkammer Oberösterreich europäische Arbeitswelten und –realitäten beleuchtet.

Die Sektion European Communities – Dorfkommunen im Spiegel Europas zeigt in Kooperation mit dem afo Architekturforum Oberösterreich Filme aus dem Spannungsfeld Architektur und Gesellschaft.

Jedes Jahr gibt es zudem ein Tribute für einen Filmautor oder eine Filmautorin, bei dem deren Gesamtwerk gezeigt wird. Dieses Jahr stand das Werk der tschechischen Dokumentarfilmregisseurin Helena Třeštíková auf dem Festivalplan, die vor allem mit Porträts von einzelnen Personen und Paaren berührt, die sie über einen sehr langen Zeitraum immer wieder mit der Kamera begleitet und so die Veränderungen zwischenmenschlicher Beziehungen und den Lauf des Lebens filmisch festhält.

In der Kategorie Nachtsicht werden, wie der Name schon verrät zu später Stunde innovative Beispiele aus dem Bereich des fantastischen Films aus Europa gezeigt.

Im Bereich CINEMA NEXT EUROPE: Heimatland – Wonderland wird das Hauptaugenmerk auf den europäischen Filmnachwuchs und junge Stimmen des europäischen Kinos gelegt. Die Auswahl findet in Kooperation mit Cinema Next statt.

In der Sektion Local Artists werden Filme mit Bezug zu Oberösterreich aller Genres, Formate und Längen präsentiert. Innerhalb dieser Sektion gibt es noch die Unterkategorie „Local Artists Music Videos“ bei der in Kooperation mit CREATIVE REGION Linz & Upper Austria aktuelles Schaffen aus dem Bereich der Musikvideokunst gezeigt wird. Hierfür wird auch der „CREATIVE REGION MUSIC VIDEO Audience Award“ vergeben (mit 1.500 Euro dotiert).

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Infotisch im Press/Guest-Office © Angela Sirch

Dieses Jahr lief das Filmfestival von 20. bis 25. April. Ich war Samstag und Sonntag mit dabei. Am ersten Tag hatte ich zwei Filme auf dem Programm, die ich euch gerne vorstellen möchte. Ausgerüstet mit Presseausweis, dem Programm, jeder Menge Infomaterial und Einladungen zu Talks und Veranstaltungen des Rahmenprogramms ging es auf zum  ersten Film.

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Kinokarte für „The Good Life“ © Angela Sirch

Mein erster Kinobesuch führte mich ins Festivalzentrum zum Programm „The Good Life“ bestehend aus den drei Kurzfilmen Wallenhorst von Steffen Goldkamp (DE), Sfârşitul verii/End of Summer von Alina Manolache (RO) und Det gode livet, der borte/The Good Life – Over There von Izer Aliu (NOR). Der erste Film hat mir am wenigsten gefallen, da er einfach nur einzelne Szenen des Alltags einer deutschen Ortschaft zeigt und meiner Meinung nach zu wenig Inhalt oder Material hergibt, das einen zum Nachdenken anregt. Dies macht der zweite Film in diesem Reigen hingegen ganz hervorragend, der rumänische Jugendliche auf ihrem Weg durch die letzten Schulsommerferien begleitet. Man sieht sie feier, trainieren, sich prügeln und flirten. Sie sprechen über ihre Zukunft, ihre Schwächen und vermitteln in kurzen Sätzen und Aufnahmen Bilder ihrer Leben. Det gode livet, der borte bildet einen amüsanten fiktionalen Abschluss dieser zusammengestellten Trilogie. Ein junger illegaler Bauarbeiter soll für einen Tag auf den ungezogenen Sohn seines Chefs aufpassen, der seinen Vater für den Größten hält, obwohl dieser nie wirklich Zeit hat. Im Laufe des Tages entsteht zwischen den beiden jedoch eine ungewöhnliche Freundschaft. Mit Humor und feinen Nuancen kreiert Izer Aliu einen sehr schönen Film über Vater-Sohn-Beziehungen und Heimat. Der Regisseur war im Anschluss an das Screening zu einem Gespräch im Saal und meinte, dass für ihn Humor der Weg ist um schwierige Themen anzusprechen.

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Izer Aliu im Gespräch zu seinem Film „Det gode livet, der borte“ © Angela Sirch

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Mein Ticket zu „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ © Angela Sirch

Der zweite Kinoprogrammpunkt des Tages war Isabelle Stevers Film „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ (DE). Ein intensiver Film mit Maria Furtwängler als Hauptfigur Dorothea Nagel, eine UN-Mitarbeiterin, die in einem Hotel im Krisengebiet darauf wartet, dass sich die Grenzen öffnen, Flüchtlinge ins Land strömen und sie mit ihrer Arbeit beginnen kann: dem Eintreiben von Spenden. Gefangen zwischen dem Helfen und dem Umstand, mit Krieg und Elend Geld zu verdienen verliert Nagel langsam die Kontrolle über ihr Leben. Sie vergnügt sich in ihrer Luxus-Suite mit einem drogenabhängigen jungen Mann und betrinkt sich jeden Abend bei dem Versuch, reichen Geschäftsmännern Geld abzuluchsen.

Der Film kommt wie ein Kammerspiel daher ist wild und doch ruhig und klar erzählt mit einer großartigen Hauptdarstellerin, die in diesem Film zeigen kann was sie als Schauspielerin alles drauf hat. In absurden Dialogen spürt man die Absurdität von Nagels Job, wenn z.B. einen berühmte Sängerin meint, sie fände es schön wenn die Flüchtlingskinder für die man bei einer Wohltätigkeitsgala sammelt, dort den Wein ausschenken würden. Auch wenn man Nagels Vorgehensweise nicht immer verstehen kann, nicht weiß warum sie sich mit bestimmten Menschen abgibt, die ihr absolut nicht gut tun und ihre Verzweiflung ausnützen, so versteht man doch, wie es soweit kommen konnte, dass ihr Leben vollkommen aus den Fugen gerät.

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Isabelle Stever beim Publikumsgespräch © Angela Sirch

Regisseurin Stever war anschließend noch zum Publikumsgespräch geladen und erklärte, dass eines der Hauptthemen des Films die Abhängigkeit der Helfer von der Not sei. Ihre Figuren und insgesamt die ganze Geschichte seien eine Collage aus tatsächlichen Menschen und Situationen. Sie hat zudem rund zwei Jahre dafür gekämpft Maria Furtwängler für die Rolle zu gewinnen und wollte bewusst eine starke Person zeigen, da es für den Zuschauer dann noch schmerzhafter ist diese fallen zu sehen. Man kann sagen, dieses Konzept ist voll und ganz aufgegangen. Obwohl die Figur im Fallen begriffen ist, so ist sie doch immer auf Augenhöhe, man bemitleidet sie nicht, man kämpft und ficht mit ihr mit. Der Film will auch nicht klar aussagen wie man denken soll und auch keine Seite als Gut oder Böse abstempeln, es wird einfach ein Bild gemalt, Absurdität und Zwiespalt aufgezeigt und jeder ist dazu eingeladen, sich seine eigene Meinung zu bilden.

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Abendessen und Blog-Arbeit © Angela Sirch

Abends waren Entspannung und in bisschen Arbeit im Hotel angesagt und nach einem ausgiebigen Frühstück ging es am Sonntag weiter in die zweite Runde.

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Meine Wenigkeit, top motiviert für den zweiten Tag © Angela Sirch

Der erste Programmpunkt am Sonntag war London Road von Rufus Norris (GB), die Verfilmung des gleichnamigen Musicals. Der Film erzählt die wahre Geschichte einer Mordserie in der britischen Kleinstadt Ipswich. In titelgebender London Road wurden im Herbst/Winter 2006 fünf Prostituierte ermordet aufgefunden. Steve Wright, der in jener Straße ein Einfamilienhaus bewohnte wurde später verhaftet und für die fünf Morde zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Anschluss an die Mordserie war eine Reihe von Interviews mit den Anrainern von London Road gemacht worden. Die Aussagen dieser Interviews wurden wortwörtlich in Songs umgewandelt und zu einem Musical zusammen gefügt. Mit viel schwarzem Humor und Tragik werden die grausame Mordgeschichte, aber auch der merkwürdige Umgang der Bewohner aufgezeigt, die kaum Mitleid mit den Opfern haben, sondern sich selbst als Opfer inszenieren. Die Musik hat keine klassische ins Ohr gehende Melodie, ist aber dennoch sehr eindringlich und außergewöhnlich. Der Film ist eine spannende, ungewöhnliche Mischung, gut besetzt und inszeniert, der eine von den Medien groß in Szene gesetzte Geschichte von allen Seiten betrachtet.

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Im Kino für „London Road“ © Angela Sirch

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Beim Gende Equality Talk im Festivalzentrum © Angela Sirch

Anschließend an diesen Kinobesuch stand Talk auf dem Programm. Der Gender Equality Talk hatte dieses Jahr den Titel „Take the Money and Shoot. We tell you how we did it“ und setzte sich mit der Finanzierung von Filmen und den Problemen, die weibliche Produzentinnen und Regisseurinnen in diesem Bereich haben auseinander. Durch die Diskussion führte die Filmproduzentin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Ursula Wolschlager vom Verein FC Gloria und die Gäste waren die Regisseurinnen Claudia Dworschak (AT), Marianna Economou (GR), Sandra Trostel (DE) und Svetla Tsotsorkova (BG). Zunächst gab es von Seiten des FC Gloria ein paar Hard Facts zu den Arbeitsfeldern und der Verteilung von Geldern in der Filmbranche:

  • Studierende an der Filmakademie 2009-2015: 41% Frauen 59% Männer
  • ProfessorInnen an der Filmakademie 2015: 10% Frauen / 90% Männer
  • ProduzentInnen 2015: 17% Frauen / 83% Männer
  • DrehbuchautorInnen 2015: 32% Frauen / 68% Männer
  • RegisseurInnen 2015: 34% Frauen / 66% Männer
  • Gesamtbudget Bundeskanzleramt 2 Mio. Euro: 45% Frauen / 55% Männer
  • Gesamtbudget Österreichisches Filminstitut 15 Mio. Euro: 20% Frauen / 80% Männer
  • Gesamtbudget Film Fonds Wien 6,6 Mio. Euro: 17% Frauen / 83% Männer

Sandra Trostel, die ihren nächsten Film zum Teil über Crowdfunding finanziert machte den Anfang und zeigte gleich einmal diesen kurzen Film, der die Vorgänge der Filmfinanzierung sehr gut veranschaulicht.

Sie stellte aber auch klar, dass Crowdfunding nicht für jeden Film funktioniert. Mit jedem Film spricht man eine bestimmte Gruppe von Menschen an und eben diese sind vielleicht gerade nicht mit dem Prinzip des Crowdfunding vertraut oder haben Probleme damit, online Geld zu übermitteln. Auch die unterschiedlichen Modelle des Crowdfundings sind bei uns nicht sehr geläufig. So gibt es Varianten bei denen ein Wunschbetrag angegeben wird, dann wird gespendet und auch wenn der Wunschbetrag nicht erreicht wird, geht das eingenommene Geld an das Filmprojekt, was jedoch bedeutet, dass dann oft mit sehr viel weniger Budget gearbeitet werden muss, weil das gespendete Geld ja zweckgebunden ist. Eine andere Version ist das „All or Nothing-Prinzip“ bei dem ebenfalls der Wunschbetrag festgelegt wird, doch wenn hier das Finanzziel nicht erreicht wird, gehen die gespendeten Gelder wieder an die Spender zurück. Vor allem sei es aber wichtig zu vermitteln wie teuer ein Film ist. Wenn ihr Sandra Trostels nächsten Film All Creatures Welcome gerne unterstützen möchtet, gelangt ihr hier zu ihrer Crowdfunding-Seite.

Mit einer ganz neuen Dimension des fehlenden Geldes hat die griechische Regisseurin Marianna Economou zu kämpfen, doch sie ist positiv überrascht wie reichhaltig das filmische Angebot trotz aller Widrigkeiten ist. Obwohl es seit einiger Zeit keine staatliche Filmförderung mehr gibt, gab es beim letzten Festival von Thessaloniki, dem größten griechischen Filmfestival 74 griechische Produktionen zu sehen. Das Positive an der Krise ist, dass alle finanziell gesehen im selben Boot sitzen und somit die Hilfsbereitschaft untereinander gestiegen ist. Als sie für ihren Film The Longest Run, über zwei junge Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien, die in einem griechischen Jugendgefängnis gelandet sind eine Drehgenehmigung für besagtes Gefängnis erhielt, musste sie mit den Dreharbeiten beginnen, obwohl sie keine finanziellen Mittel hatte. Da die Zuständigen für die Ausstellung von Genehmigungen ständig wechseln, wollte sie nicht riskieren einen Rückschritt hinnehmen zu müssen. Das Problem bei der Finanzierung ist oft, dass vorab viel Interesse gezeigt wird, aber schlussendlich selten eine Kooperation zustande kommt. So wurde Economou mit ihrem Film vorab zu einem Co-Production Meeting in Leiprig eingeladen und gewann den Work-in-Progress Award in Thessaloniki, doch bei beiden Malen gab es kein Geld. Erst als der Film fertig war und mehrere Filmpreise gewann, stellten sich Firmen an um den ihn in den Vertrieb zu nehmen. Doch Sales bringt weniger Geld, als wenn vorab in die Co-Produktion investiert wird.

Claudia Dworschak arbeitet gerne im Kollektiv und startete ihr aktuelles Filmprojekt Mein Name ist. Ich bin. mit 4 Co-Regisseuren. Dreh und Schnitt waren von der Finanzierung her nicht das Problem, doch man benötigte Dolmetscher für die Asylsuchenden, die in Dworschaks Film porträtiert werden. Die Stadt Linz hat keine eigene Filmförderung und die Filmförderstelle des Landes Oberösterreich stellt nur 10% des Budgets zur Verfügung. Gerade bei Themen die eine aktuelle gesellschaftspolitische Brisanz haben, hemmt die Abhängigkeit von Geldern die Reaktionsfähigkeit: man kann nun einmal nicht mit der Fertigstellung warten, bis das Thema nicht mehr aktuell ist.

Die bulgarische Regisseurin Svetla Tsotsorkova hat an der National Academy for Theatre and Film Arts Sofia studiert und sich mit einer Studienkollegin zusammen geschlossen: wenn Tsotsorkova Regie führt produziert ihre Kollegin diesen Film und umgekehrt. In Bulgarien gibt es kein klassisches Fördersystem, mit Filminstituten, sondern ein großes staatliches Filmcenter, das aber sehr genderunabhängig seine Förderungen vergibt. Für Debütfilme gibt es umgerechnet an die 120.000 Euro, etablierte Regisseure bekommen bis zu 600.000 Euro. Allerdings gibt es viele Regisseure, die nicht auf staatliche Förderungen warten wollen und mit eigenen Mitteln oder privaten Spenden arbeiten. In diesem Jahr gibt es 10 solcher unabhängigen Produktionen. Oft fühlt man sich wie ein Bittsteller, aber wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist stört einen das nicht weiter, weil man weiß, dass das Projekt am Ende aufgeht. Tsotsorkova zitierte in diesem Zusammenhang eine ihrer Professorinnen an der Filmuni: „You can make films with money or with friends.“

Im Zuge der Diskussion mit dem Publikum kam die Frage auf, ob Frauen oft zu zurückhaltend sind wenn sie um Geld und Filmfinanzierung ansuchen. Die Antwort darauf war, dass es bei der Beschaffung von Filmförderung sehr wichtig sei zu wissen, wo man hingeht und welche bürokratischen Wege man zu gehen hat. Es geht also nicht so sehr um den Ton, sondern darum gut informiert und vernetzt zu sein. Viele Künstlerinnen würden zudem ganz bewusst mit weniger Budget kalkulieren. So z.B. Sandra Trostel, die meinte, dass ein kleines Budget zwar Schwierigkeiten mit sich bringt, aber auf der anderen Seite mehr Freiheiten bietet. So habe sie schlechte Erfahrungen gemacht wenn es um die Kooperation mit dem Fernsehen geht.

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Kinokarte zu „Tempête“ © Angela Sirch

Leider musste ich die Diskussion vor dem Ende verlassen um Karten für den letzten Kinobesuch am Crossing Europe zu ergattern: Tempête/Land Legs von Samuel Collardey. Tempête erzählt die Geschichte des Fischers Dominique, der hin und her gerissen ist zwischen seinem anstrengenden Beruf auf rauen Gewässern und seinem Job als Vater zweier pubertierender Kinder. Als seine 16-jährige Tochter schwanger wird, droht Dominiques Ex-Frau damit ihm das Sorgerecht für die Kinder streitig zu machen. Der Fischer möchte sein Leben umkrempeln, macht den Schein zum Kapitän um sich ein eigenes Boot zu kaufen und regelmäßiger für seine Kinder da sein zu können, doch seine Pläne gehen nicht so auf, wie er es sich wünscht.

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Samuel Collardey im Gespräch © Angela Sirch

Das Besondere an diesem Film ist, dass die drei Hauptfiguren Dominique und seine Kinder Matteo und Mailys Laiendarsteller sind und sich selbst und ihre eigene Geschichte spielen. Vielleicht sind sie deshalb so gut und eindringlich bei dem was sie tun…oder es handelt sich tatsächlich um bisher unentdeckte Schauspieltalente. Besonders Dominique Leborne, der für seine Darstellung bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet wurde spielt mit soviel Tiefgang, dass es einem leicht fällt mitzufühlen bei seinem Kampf um seine Kinder und die Nähe zu ihnen. Regisseur Samuel Collardey sprach nach dem Film noch über die Arbeit mit der Familie, so lebte er mehrere Wochen mit Dominique zusammen, und über die Themen, die er mit dem Film ansprechen möchte. Es geht nicht nur um zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Vater und Kindern, sondern auch um das Porträt eines Berufes und die Probleme, die dieser mit sich bringt. Die Vereinbarkeit von Seefahrt, bei der man oft wochenlang nicht zuhause ist und dem Familienleben sowie die Tradition, den Beruf von Vater zu Sohn weiterzugeben, die in Dominiques Familie gebrochen wird sind Hauptthemen des Films.

Nach diesem wunderbaren Film ging es für mich wieder zurück nach Hause. Auch wenn mein Besuch nur kurz angedauert hat, so hat mich das Crossing Europe einmal mehr mit seiner entspannten, gemütlichen Atmosphäre und seinem reichhaltigen Programm begeistert. Ich hoffe, ihr konntet ein paar neue Filmtipps aus meinem Festivalbericht gewinnen und freue mich schon auf das nächste Jahr.

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Letzter Blick auf den OK-Platz © Angela Sirch

Zum Abschluss gibt es hier noch die diesjährigen PreisträgerInnen:

CROSSING EUROPE Best Fiction Film: ex aequo-Entscheidung (d.h. jeweils 5.000 Euro) für Babai (Visar Morina, DE/KO/MZ/FR 2015) und Baden Baden (Rachel Lang, BE/FR 2016)

CROSSING EUROPE Audience Award: Jajda/Thirst (Svetla Tsotsorkova, BG 2015)

CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary: Rio Corgo (Maya Kosa & Sérgio da Costa, CH/PT 2015) + Special Mention: Birobidjan – Le Nid Est Tombé Dans Les Flammes/Birobidjan – The Nest Has Fallen Into The Flames (Guy-Marc Hinant, BE 2015)

CROSSING EUROPE Award – Local Artist: Those Shocking Shaking Days (Selma Doborac, AT/BA 2016) + Korida (Siniša Vidović, AT 2016)

CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Local Artist: Unten (Djordje Čenić & Hermann Peseckas, AT 2016)

CREATIVE REGION MUSIC VIDEO Audience Award: Wösside – Wös Rap Rec (Leni Gruber, AT 2015)

CROSSING EUROPE Award – Local Artist Atelierpreis: Last Supper IV (Maria Czernohorszky, AT 2015)

PICTURE your SOUND your PICTURE Atelierpreis: Fatima el Kosht & Remo Rauscher

Header: Festivalzentrum am OK-Platz in Linz © Angela Sirch

 

 

Diagonale – Festival des österreichischen Films 2016

Von 08. bis 13. März findet dieses Jahr in Graz wieder das Festival des österreichischen Films, die Diagonale statt. Dieses Jahr zum ersten Mal unter der neuen Doppelintendanz von Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger. Doch nicht nur die Leitung des Festivals ist neu, man hat beschlossen den ganzen Bezirk rund um die Kunsthalle Graz zum Festivalbezirk zu machen und hat neue Orte zum Austausch und zum filmischen Diskurs geschaffen. Die Bar im Hotel Mariahilf wird zum After-Screening-Treff umfunktioniert, in der Kunsthalle befinden sich nun nur noch die begleitende Ausstellung und das Presse- und Gästebüro, während die Gespräche und Partys im Haus der Architektur stattfinden werden.

Neben dem klassischen Filmprogramm, das Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme aus Österreich enthält, gibt es auch mehrere interessante Specials. In der Kategorie Zur Person wird die Filmproduzentin Gabriele Kranzelbinder mit einer Werkschau gewürdigt, das historische Programm Österreich: zum Vergessen beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem Hang zum Verharmlosen und, wie der Namen schon sagt Vergessen und die Kategorie In Referenz nimmt durch unterschiedlichste Filme Bezug auf den Inhalt des historischen Specials.

Auch das Rahmenprogramm kann sich sehen lassen. Neben der bereits erwähnten Ausstellung warten spannende Gespräche mit Themen wie Ziemlich beste Filme? Alternativen zum „Multikultkino“ oder I´ll Have What He´s Having. Frauenkarrieren in der Männerdomäne Film, sowie begleitende Werkstattgespräche mit den Filmemachern Gabriele Kranzelbinder, Elisabeth Scharang, Wilhelm Hengstler und Ruth Beckermann auf die interessierten Besucherinnen und Besucher. In der Kategorie Unvergessen gibt es filmische Nachrufe auf Peter Kern und den Filmwissenschaftler Siegfried Mattl. Wer von den Partys nicht zu sehr mitgenommen ist, kann zwischen 10. und 12. März jeweils zwischen 11h und 12h 30 am Cinema Next Breakfast Club teilnehmen, um gemütlich zu speisen und über Film zu diskutieren. Wer seinen Festivalbesuch nicht zur Gänze in geschlossenen Räumen verbringen, aber trotzdem nicht auf Kino verzichten will, kann am 10. März ab 20h beim  Street Cinema dabei sein, das mithilfe von Film, einem Projektor, einem mobilen Soundsystem und einem Laptop graue Hausfassaden in eine Kinoleinwand verwandelt.

Alle genauen Infos zum Festivalprogramm findet ihr hier und die genaue Auflistung der Ticketpreise hier.

Ich habe mir vorab ein paar der österreichischen Beiträge im Spiel- und Dokumentarfilmbereich angesehen, inklusive dem diesjährigen Eröffnungsfilm Maikäfer flieg von Mirjam Unger und habe meine Eindrücke für euch zusammengefasst.

> Der nachfolgende Text ist auch in der März-Ausgabe des ray Filmmagazins erschienen.

Obwohl die Unterschiede in Genre, Stil und Sprache nicht größer sein könnten, findet sich einmal offensichtlicher, einmal versteckt, ein Thema in allen österreichischen Beiträgen zur diesjährigen Diagonale wieder, das derzeit in unterschiedlicher Form präsent ist: Krieg.

Auf diesen bietet Thank You for Bombing eine Perspektive, die wir oft sehen, aber selten in dieser Form wahrnehmen. Es ist die Perspektive der Kriegsberichterstatter. Anhand dreier Geschichten erzählt Barbara Eder über die Dämonen und die Nebenwirkungen, die dieser Job mit sich bringt. Protagonisten sind ein alter Hase im Journalistenbusiness, den der Balkankrieg in mehrfacher Hinsicht verfolgt, eine junge Journalistin, die sich in einer männerdominierten Machowelt behaupten muss und ein  Berichterstatter, für den Krieg nur noch ein Geschäft ist. Krieg stumpft ab und lässt einen nie wieder los. Sowohl die Reporter, als auch die Soldaten oder die Menschen, die im Kriegsgebiet leben. Jeder versucht durchzukommen, auf seine Weise vom Krieg zu profitieren. Man wirft Prinzipien über Bord, manipuliert, wenn es dabei hilft eine gute Story zu bekommen. Für die Emotionen der Lieben, die man daheim zurück gelassen hat ist man immer unempfänglicher, die friedliche Welt zuhause ist nicht nur geographisch weit entfernt.

Eine ganz andere Form von Krieg führen die modernen Kreuzritter in Daniel Hoesls Winwin. Ihre Religion ist der Kapitalismus, ihre Heiligtümer Geld und Wachstum. In diesem puristisch gestalteten Film bewegen sich drei Investoren, die von Unternehmern, Politik und Gewerkschaften gleichermaßen als Retter der westlichen Welt gefeiert werden, durch eine absurd zugespitzte Welt. Bestechung, Absprachen unter der Hand und auswendig gelernte, hölzern herunter geratschte Floskeln stehen an der Tagesordnung. Die seelenlosen, austauschbaren Wirtschaftsjünger  versuchen zwar durch Freizeitaktivitäten und stylisches Essen interessanter zu wirken, doch die Selbstoptimierung reicht nicht bis zur eigenen Moral. Hoesl gelingt ein Film, der auf absurde, tragikomische Weise die wahnsinnigen Auswüchse des Kapitalismus aufzeigt.

Dass unser westliches Wirtschaftssystem nicht nur Börsenkriege, sondern auch tatsächliche Kriege auslöst, spielt bei Angela Summereders Dokumentarfilm Aus dem Nichts eine Rolle. Die Kriege im Nahen Osten, dienten unter dem Deckmantel der Terror- oder Rebellenbekämpfung hauptsächlich nur einem Ziel: dem Erschließen und Erobern von Ölquellen. Angesichts des Kampfes um die Ressourcen ist es nicht verwunderlich, dass Wissenschaftler auf der ganzen Welt nach neuen Energiequellen suchen. Eine dieser Möglichkeiten ist die Raumenergie, die auf der These beruht, dass man mit einem entsprechenden Gerät unendliche, im Raum frei vorhandene Energie schöpfen könnte. Summereders Startpunkt befindet sich in Aurolzmünster in Oberösterreich, wo Carl Schappeller über seine Tochter, die er als Medium bezeichnete Botschaften verbreitete und eine Raumenergiemaschine entwickelte. Das Prinzip der Raumenergie zählt bis heute zum Gebiet der Parawissenschaften, begleitet von Verschwörungstheorien und Widersprüchen. Ob man an der Glaubwürdigkeit des Themas an sich zweifelt, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen, wobei  der Film recht einseitig über das Thema berichtet. Was jedoch eher stört ist, ist die unstete Filmsprache. Zu Beginn verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Rückblende, was an sich eine sehr schöne Idee ist, doch der Rückblick wird durch Zeitlupen und andere Effekte verfremdet, was nicht so Recht zur restlichen stringenten Erzählweise des Filmes passt. Auch die Erklärung der Funktionsweise der Raumenergie bleibt etwas schwammig, was zusätzlich skeptisch macht.

Ebenfalls mit Verschwörungstheorien, diesmal jedoch mit beweisbaren, beschäftigt sich der Dokumentarfilm A Good American. Der 11. September 2001 diente den USA als Rechtfertigung  für den Kampf gegen den Terror. Doch hätte der Anschlag auf das World Trade Center verhindert werden können? Wenn es nach Bill Binney, Whistleblower und ehemaligem NSA-Mitarbeiter geht, lautet die Antwort: Ja. Binney, ein brillanter Code-Breaker entwickelte nach dem Ende des Kalten Krieges gemeinsam mit anderen Metadaten-Experten das Programm „ThinThread“, das in der Lage ist, aus der schier unendlichen Menge an Daten die täglich im Umlauf sind, bestimmte Muster zu filtern, die auf kommende Ereignisse hinweisen. Dieses System hatte sich bereits bei der Vorhersage von sowjetischen Angriffen bewehrt, doch Binney wurde in seinem Schaffen immer mehr sabotiert und ins Abseits gedrängt. Wie so oft in der Geschichte effektiver Ideen, wurden Binney und seine Mitstreiter Opfer von Ego- und Machtbesessenheit. A Good American ist ein packender Doku-Thriller, der sowohl inhaltlich, als auch stilistisch durch umfangreiche Recherche, detailreiche Feinarbeit und eine aufschlussreiche Erzählweise brilliert.

Vom Krieg der Daten  führt uns ein besonders gelungener Film hin zum Zweiten Weltkrieg und den Erinnerungen an das Ende desselbigen. Christine Nöstlingers Roman Maikäfer, flieg! ist weit über die Grenzen Österreichs bekannt und erzählt die Geschichte der 9-jährigen Christl, die kurz vor Ende des Krieges mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in die Villa jener Nazi-Gattin flieht, für die ihre Mutter als Bedienstete gearbeitet hat. Gemeinsam mit der Besitzerin und dem desertierten, verwundeten Vater harrt man in dem Versteck der Dinge die da kommen, denn das Ende des Krieges bringt die nächste Ungewissheit: die Russen marschieren ein und machen sich in der Villa breit. Während man versucht miteinander auszukommen, freundet sich Christl mit dem Koch der russischen Kompagnie an. Mirjam Unger hat dieses vielschichtige Kinderbuch nun verfilmt, das von den drei Hauptdarstellern auf großartige Weise getragen wird. Zita Gaier als Christl, der störrische Dickschädel mit dem großen Herz, Ursula Strauss als Mutter, die in ungewissen Zeiten ohne Struktur versucht ihre Töchter zu erziehen und die sich zwischen Haushalt, Angst und Ungewissheit auch gerne wieder einmal als Frau fühlen würde und schließlich Gerald Votava, der den müden, resignierten Vater gibt, der es satt hat sich ständig vor irgendjemandem zu verstecken. Sie erwecken diese Geschichte über die Orientierungslosigkeit, die unterschiedlichen Herangehensweisen an die neue Machtsituation und die grenzüberschreitende Kraft der Freundschaft auf wunderbare Weise zum Leben.

FILMKURZINFOS

THANK YOU FOR BOMBING (Regie: Barbara Eder, Kinostart: 18. März 2016)

WINWIN (Regie: Daniel Hoesl, Kinostart: 01. April 2016)

AUS DEM NICHTS (Regie: Angela Summereder, Kinostart: 11. März 2016)

A GOOD AMERICAN (Regie: Friedrich Moser, Kinostart: 18. März 2016)

MAIKÄFER FLIEG (Regie: Mirjam Unger, Kinostart: 18. März 2016

Header: Kunsthalle & Diagonale © Diagonale/Pelekanos

Crossing Europe 2015 – Festivalbericht

Mit etwas Verspätung kommt hier mein Bericht vom diesjährigen Crossing Europe in Linz. Neben dem regen Austausch mit anderen Filmbegeisterten und dem prächtigen Wetter, hatte das Filmfestival vor allem eines zu bieten: wunderbare Filme aus allen Teilen Europas.

Ich war dieses Jahr zum dritten Mal dabei. Dass es sicher nicht das letzte Mal war, liegt in erster Linie an der gemütlichen Atmosphäre, dem interessanten und/oder unterhaltsamen Rahmenprogramm und den vielen lieben Menschen die man hier trifft. Von 25. bis 27.April habe ich mich bewaffnet mit Presseausweis und guter Stimmung ins Getümmel geworfen. Was ich dort gesehen habe, erzähle ich euch hier 😉

© Angela Sirch

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Samstag, 25.April

Mein erster Kinobesuch galt dem finnischen Dokumentarfilm Eedenistä Pohjoisseen/Garden Lovers von Virpi Suutari.

Die Regisseurin begleitet in diesem wunderbaren Film mehrere Paare, die ihr Leben und vor allem ihre freie Zeit der Gartenarbeit widmen. Dabei entstehen Oasen der Ruhe, aber auch des Wettstreites, wenn man z.B. versucht den größten Kürbis der Welt zu züchten. Die Arbeit mit den Blumen, Bäumen, Gemüsebeeten und Schwimmteichen ist für manche Entspannung oder dient der Erforschung der Lebewesen, die sich darin tummeln. Andere vergraben sich in ihre Blumentöpfe um nicht an schmerzliche Verluste zu denken, die geschehen sind oder noch bevor stehen. Es gibt Meditatives, Trauriges, Schönes und Amüsantes in diesem Film zu sehen. Wenn man das Kino verlässt, hat man ein Lächeln auf den Lippen, denkt ein wenig über das Leben nach und darüber, vielleicht selbst etwas anzupflanzen. Sehr empfehlenswert!

Nach diesem vielversprechenden Einstieg ging es weiter zu einer Schifffahrt auf der Donau zusammen mit Filmemachern, Festivalorganisatoren und Filmjournalisten. Es gab nicht nur eine schöne Aussicht und interessante Gespräche, sondern auch den alljährlichen Steckerlfisch.

© Angela Sirch

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© Angela Sirch

© Angela Sirch

© Angela Sirch

© Angela Sirch

Zum Abschluss dieses ersten Tages ging es noch einmal ins Kino und aus dem kühlen Norden in den den heißen Süden: A Blast des griechischen Regisseurs Syllas Tzoumerkas, der nach der Vorführung noch für ein paar Fragen zur Verfügung stand.

Der Film hat mich mit einem ambivalenten Gefühl zurück gelassen und vor allem ermüdet. Es ist die Tour de Force der Griechin Maria (beeindruckend gespielt von Angeliki Papoulia) die vor den Trümmern ihres Lebens steht. Ihr Mann ist als Seeman ständig auf den Weltmeeren unterwegs, sie ist mit der Fürsorge ihrer drei Kinder überfordert, ihre Mutter hat viel zu lange nicht mehr die Miete für den familieneigenen Laden bezahlt und lässt Maria, ihre Schwester und ihren stets schweigenden Vater auf den Schulden sitzen. Das alles treibt Maria auf den Gipfel eines Berges an angestauter Wut und Verzweifelung, der nur durch eine große Explosion gesprengt werden kann.

Was ich mit dem „ambivalenten Gefühl“ meine das ich nach dem Sehen des Filmes hatte, gründet sich vermutlich daraus, dass mir die Hauptfigur den letzten Nerv geraubt hat. Es wird nicht geredet, sondern die meiste Zeit geschrien und dazu sehr oft geschlagen. Das mag als eines der vielen Ventile für Wut und Ernüchterung durchgehen, doch Maria hat ihr ganzes Leben lang impulsive Entscheidungen getroffen, agiert oft egoistisch und mitunter auch verletzend und beschwert sich nun über das Resultat. Nach wenigen Tagen des Datens beschließt sie sich ihren späteren Mann zu heiraten. Kurz nachdem sie Sex haben, entscheiden sie, dass sie Kinder haben wollen. Maria lässt sich von ihrem Mann bestätigen, dass er sie liebt und das er das auch noch tun wird, wenn sie ihn nicht mehr liebt und unabhängig davon was sie in Zukunft tun wird (eine ziemlich starke Forderung). Sie erklärt ihm, dass sie gerne viel Geld haben möchte, was er durch seine Arbeit auf See, bei der er 6 Monate am Schiff und dann kurze Zeit bei seiner Familie ist, verdienen möchte. Sie ist einverstanden, um nicht zu sagen begeistert. Sie hat sich also für die meisten Dinge entschieden, die ihr jetzt zu schaffen machen, verhält sich aber meist so, als hätte es das Leben einfach schlecht mit ihr gemeint. Auf die Frage, warum es im Film sehr viele Sexszenen gibt, antwortete Tzoumerkas, dass Sex einfach das Mittel war, um die intime und intensive Beziehung zwischen Maria und ihrem Mann zu zeigen. Allerdings verstärkt dieses Stilmittel in meinen Augen das Bild, dass die beiden Figuren außer Sex relativ wenig gemeinsam haben (was natürlich beabsichtigt sein könnte). Der Film ist sehenswert und fordernd, doch man sollte sich darauf einstellen, dass man trotz der vielen Gewalt zwischendurch Lust bekommt, der Hauptfigur eine Ohrfeige zu geben.

Sonntag, 26.April

Am Sonntag standen eine interessante Diskussionsrunde und ein Dokumentarfilm auf dem Plan (und Kaffee und Kuchen mit lieben Freundinnen 🙂 ).

© Angela Sirch

© Angela Sirch

Los ging es mit einem Talk zum Thema „Gender Equality & Film Business: a never-ending story?“, der von Wilbirg Brainin-Donnenberg, in Kooperation mit FC Gloria moderiert wurde. Talkgäste waren die Regisseurinnen Joanna Coates (GB), Iris Elezi (AL), Hanne Lassl (AT) und Maite García Ribot (ES), die Produzentin Ulla Lehmann (DE) und die stellvertretende Direktorin des Österreichischen Filminstituts und Repräsentantin von EWA (European Women´s Audiovisual Network) und EURIMAGES Iris Zappe-Heller.

© Angela Sirch

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Letztere startete die Diskussion mit ein paar Fakten zur Filmbranche. So erzählte sie davon, dass Schweden eine 50:50-Quote einführen möchte, wenn es um die finanzielle Förderung der Bereiche Regie, Drehbuch und Produktion geht. Es sollen also Männer und Frauen in gleicher Weise unterstützt werden. Sie präsentierte auch den immer noch ernüchternden Frauenanteil in diversen Bereichen des Europäischen Films: nur 25% der Drehbuchautoren, 29% der Spielfilm-Regisseure und unter 10% der Produzenten sind Frauen. Auch wenn es in den letzten drei Jahren leichte Steigerungen gab, gibt es immer noch viel zu tun. Nach dem Bechdel-Test der momentan zur Erfassung herangezogen wird, haben 80% der Filme immer noch hauptsächlich „männliche Themen“. Der Bechdel-Text stellt 3 Fragen an den Film: Gibt es mehr als 2 Frauen die Namen tragen? Reden diese Frauen mindestens 1 Drehbuchseite lang miteinander? Und reden sie über etwas anderes als über Männer? Von Zuhörerinnen wurde in der anschließenden Diskussion kritisiert, dass man bessere Tests an Filme anlegen könnte, z.B. wie viele Minuten im Film den Frauen gehören. Doch bis zu einem gewissen Grad kann jeder dieser Tests nur oberflächlich bleiben. Denn selbst wenn Frauen sehr viel Filmzeit erhalten, sagt das noch wenig darüber aus wie sie gezeigt werden oder ob es in dem Film um „weibliche Themen“ geht.

Im weiteren Verlauf erzählten die Filmemacherinnen von den Schwierigkeiten, mit denen sie als Frauen in einer noch immer sehr männerdominierten Branche konfrontiert waren und sind. Es ging auch stark darum, sich untereinander mehr zu vernetzen, sich weniger als Konkurrenz, sondern als Partnerinnen zu sehen. Ein Punkt, der sowohl von den Talkgästen als auch von Damen aus dem Publikum angesprochen wurde war, dass Frauen noch immer zu oft an sich selbst und ihren Ideen zweifeln, weshalb viele Filme nicht über das Stadium des Drehbuch-Treatments hinauskommen. Man solle als Frau mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben und in manchen Bereichen, wie bei der Budgetverhandlung weniger diplomatisch sein. Weiters sei es wichtig nicht nur in der Filmbranche, also bei den FilmemacherInnen auf eine Frauenquote zu setzen, sondern auch bei den Menschen, die in den Auswahlgremien für Festivals, Fördergelder, usw. sitzen. Denn was nützt es, wenn Frauen über Themen schreiben die sie beschäftigen, wenn in den Jurys niemand sitzt, der die Thematik versteht bzw. sich damit identifizieren kann. Es war eine lebhafte und sehr informative Diskussion, die hoffentlich bald nicht mehr geführt werden muss.

Abschluss des zweiten Tages war die Dokumentation Flotel Europa von Vladimir Tomic, der für seinen Film den CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary gewann.

Tomic erzählt seine eigene Geschichte der Flucht vor dem Jugoslawien-Krieg. Seine Mutter, sein großer Bruder und er kamen auf dem Flotel Europa unter, einem zum Wohnheim umgebauten Schiff, während sie auf Asyl in Dänemark hofften. Die Dokumentation zeigt die Lebensbedingungen unter denen man kaum Privatsphäre hatte, in ständiger Sorge um die zurück gelassenen Verwandten (wie Tomic´ Vater) lebte und (wie der Regisseur selbst) unter Umständen mitten in der Pubertät steckte und die Beschaffenheit von Liebe und Selbstständigkeit erforschte. Der Film ist wie das Leben selbst, eine Tragikomödie. Man sieht Männer und Frauen die Stunden und Tage im Fernsehzimmer verbringen, in der Hoffnung etwas von ihren Verwandten zu sehen oder zu hören. Man hört von jungen Kerlen, die gemeinschaftlich masturbieren und sich kuriose Gang-Namen geben. Männer sterben an einer Überdosis von Drogen, die sie sich gespritzt hatten, um die Trostlosigkeit zu vergessen oder schließen sich zu kleinen Bands zusammen um die nutzlose Zeit mit geliebter Musik schöner zu machen. Der Film zeichnet ein vielfältiges Bild darüber, wie unterschiedlich Menschen mit so einer Ausnahmesituation umgehen und erweitert unseren Blick auf die damaligen Ereignisse (und auch heutige Kriege und ihre Folgen) um eine sehenswerte Facette.

Montag, 27.April 

Das diesjährige Crossing Europe endete für mich mit einem weiteren Dokumentarfilm: Cartas a María/Letters to María von Maite García Ribot.

Die Regisseurin, die auch an der bereits erwähnten Diskussion teilnahm, begibt sich in diesem Film auf eine sehr persönliche Reise in die Vergangenheit. In einer Kiste findet sie Briefe die ihr Großvater Pedro aus dem Exil an ihre Großmutter María geschrieben hat. Anhand seiner Berichte versucht sie seine Flucht, die 1939 begann zu rekonstruieren. Pedro war Republikaner und floh aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Spanien, wo er seine Frau und seine zwei Söhne zurück ließ. Er kam in ein Lager nach Frankreich, später ging es weiter auf die Kanalinseln und wieder zurück nach Bordeaux. Mit den 46 Zeitdokumenten, die das Andenken an diese dunkle Zeit und ihren Großvater am Leben erhalten, zeichnet Ribot, begleitet von der fortschreitenden Alzheimererkrankung ihres Vaters eine berührende Collage. Ein empfehlenswerter Blick in die Vergangenheit.

Das Crossing Europe hat meine Erwartungen einmal mehr erfüllt! Ich freue mich sehr für die Preisträger und auf das nächste Jahr, wenn Europa wieder Gast im schönen Linz ist.

Header: Plakat Crossing Europe 2015 © http://www.crossingeurope.at/uploads/tx_artikel/resized/10987d5b4a0ed50240c6e3152c362961_large.jpg

26. Internationales Kinderfilmfestival

Von 15. bis 23. November findet zum 26ten Mal das Internationale Kinderfilmfestival Wien statt. An 9 Tagen gibt es auch dieses Jahr wieder ein vielfältiges, interessantes Programm an Filmen für Kinder und Jugendliche. So zum Beispiel Karlas Welt in dem die kleine Karla versucht die Erwachsenen um sie herum dazu zu bringen ihre besinnliche Weihnachtsstimmung zu teilen und sich wieder auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren. Oder Shana – Das Wolfsmädchen über eine junge Indianerin die nach dem Verlust ihrer Mutter von einer engagierten Lehrerin, die Shanas großes musikalisches Talent entdeckt, zurück ins Leben geholt wird. Aus dem benachbarten Tschechien kommt der wunderbare Film Ans Meer! über den jungen Hobbyfilmer Tomás und seinen besten Freund die gemeinsam die Konflikte und Geheimnisse ihrer Familien auf Kamera festhalten. Das komplette Programm findet ihr hier.

Die Filme werden im Cine Center, dem Cinemagic in der Urania und dem Votiv Kino gezeigt. Um 11h, 15h, 16h und 19h gibt es reguläre Vorstellungen und zusätzlich Schulvorstellungen von Montag bis Freitag vormittags (meist 9h). Die Karten können vorab reserviert, aber auch vor Ort gekauft werden. Nähere Informationen zu den Preisen, Ermäßigungen, Bestell-Hotlines und dem erhältlichen Festivalpass der für 10 Eintritte gilt erfährt ihr hier. Für alle interessierten Lehrer und Lehrerinnen gibt es hier auch noch begleitende Filmhefte zur Vor- bzw. Nachbereitung im Unterricht (hier findet ihr auch die Filmhefte der vergangenen Jahre). Im Anschluss kommt das Festival auch nach Linz und die Steiermark.

Ich wünsche schon jetzt allen jungen Filmbegeisterten und ihren Begleitern viel Vergnügen! 😉

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Viennale 2014 – Eröffnung

Gestern wurde die diesjährige Viennale mit Jessica Hausners Film Amour fou im Gartenbaukino und einer anschließenden Gala im Rathaus eröffnet. Leider ohne Festivalpräsident Eric Pleskow, der der Veranstaltung krankheitsbedingt fernbleiben musste. Im Vorfeld machte der Festival-Direktor mit einer Wutrede zur österreichisches Filmkritik von sich reden und löste eine Debatte über das neu eröffnete Metro Kinokulturhaus und das Naheverhältnis von Filmarchiv-Chef Kieninger und Hurch. Wer näheres zu dieser Diskussion wissen möchte, hier findet ihr einen sehr ausführlichen, interessanten Artikel. Ich freue mich über eure Beiträge zu dieser Debatte. Ich bin diesbezüglich etwas zwiegespaltener Meinung. Auf der einen Seite finde ich, dass das Führungsteam des Filmarchivs mehr Transparenz und bessere Kommunikation mit den hervorragenden MitarbeiterInnen vertragen könnte und das Hurch als Direktor des größten österreichischen Filmfestivals etwas weniger Abgehobenheit und mehr Interesse am heimischen Film gut tun würde. Andererseits freut es mich, dass es ein neues Film-Kulturzentrum in Wien gibt, nachdem die Fläche im Augarten seinerzeit an die Wiener Sängerknaben und ihren Konzertsaal ging und nicht an das dort bereits beheimatete Filmarchiv (wenn euch der Ablauf dieser Verhandlungen die 2007 begannen, findet ihr hier und hier interessante Artikel dazu). Es wäre schön, wenn man sich als Teil der Filmbranche, sowohl als Mitarbeiter als auch als Zuschauer einfach über eine Erweiterung der Filmkulturszene in Österreich, die oft genug hinter tourismuswirksameren Projekten zurücktreten muss wenn es um Förderungen geht, freuen könnte, ohne dass Grabenkämpfe, in denen es meist mehr um Egos als um Inhalte geht, solche Projekte überschatten.

Aber nun wieder zurück zum eigentlichen Thema: die Viennale 2014. Von heute bis einschließlich 06.November können CineastInnen wieder ihrer großen Leidenschaft frönen mit 300 Filmen die man im eben erwähnten Metro Kinokulturhaus, dem Gartenbaukino, dem Urania- und dem Stadt-Kino im Künstlerhaus, wie dem Filmmuseum erleben kann. Neben dem umfangreichen Hauptprogramm bestehend aus nationalen und internationalen Spiel- und Dokumentar- und Kurzfilmen, gibt es dieses Jahr ein Tribute an den vielfältigen Schauspieler Viggo Mortensen, eines an den dieses Jahr verstorbenen deutschen Filmemacher Harun Farocki und eine kleine Werkschau des algerischen Autorenfilmers Tariq Teguia unter dem Titel Arabian Utopia. Unter der Kategorie Special Programs gibt es Kurzfilmprogramme zum Thema Revolutionen in 16mm, eine Schau zu Fritz Kortner und seinem filmischen Schaffen, ein Programm zu drei VetreterInnen des Experimentellen Kinos, die Ansichten von fünf Filmemachern auf Jean-Luc Godard unter dem Titel Cinq fois Godard  und die Retrospektive zu John Ford, DEM Westernregisseur Hollywoods, die nach der Viennale noch bis 30.November im Filmmuseum zu sehen ist. Wenn ihr euch ganz genau über das Programm informieren wollt, findet ihr hier den Viennale Pocketguide. Zusätzlich gibt es ein Rahmenprogramm bestehend aus Konzerten, DJ-Sets, Parties, Buchpräsentationen und Gesprächen mit spannenden Gästen im Festivalzentrum in der Dominikanerbastei 11.

Ich bin dieses Jahr etwas kürzer getreten als sonst und habe Karten für folgende 5 Filme, auf die ich schon sehr gespannt bin und über die ich natürlich auf meinem Blog rezensieren werde: Deux Jours, une Nuit von den Brüdern Dardenne, Tommy Lee Jones neueste Regiearbeit The Homesmaneinen Beitrag zu Mortensens Tribute The Indian RunnerDog Day Afternoon mit dem jungen Al Pacino und Woody Allens Magic in the Moonlight

Ich wünsche allen Festivalbesuchern viel Vergnügen und verbleibe mit ein paar Bildern der Eröffnungsgala.

In diesem Sinne: Let the movie madness begin!

Viennale Eröffnungsgala © Angela Sirch

Viennale Eröffnungsgala © Angela Sirch

Viennale Eröffnungsgala © Angela Sirch

Viennale Eröffnungsgala © Angela Sirch

Viennale Eröffnungsgala © Angela Sirch

Viennale Eröffnungsgala © Angela Sirch

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